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Biodynamische Landwirtschaft und BILDUNG - eine Podiumsdiskussion in Loheland, 2026
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Transkription vom 10. Februar 2026
+++ dieser Text ist automatisch transkribiert und bedarf der Überarbeitung. Willst du MitTun? +++
Begrüßung und Einführung in das Thema: Biodynamische Landwirtschaft und Bildung 00:00:15
Maximilian Abou El Eisch-Boes: Ja, schön, jetzt machen wir weiter, gestärkt und inspiriert vom Beispiel in SEKEM und wie man dort die Wüste begrünt und gehen über hier in unseren Kontext Deutschland und haben hier Vertreter aus Landwirtschaft, Bildung und Forschung, um über das Thema biodynamische Landwirtschaft, was uns ja heute auch anlässlich unseres 100-jährigen Jubiläums beschäftigt, anzuschauen, zusammen aber mit der Frage der Bildung. Weil beides spielt eine tragende Rolle neben der Wirtschaft und dem Sozialen, aber heute widmen wir uns vor allem dem Feld der Bildung und der Schnittstelle zur biodynamischen Landwirtschaft.
Ja, es gilt heute, sogenannte Best Practices, also Dinge, die funktionieren, aus der Praxis zu bergen und zu schauen, wie es an anderen Orten funktionieren kann, und Handlungspädagogik auch als tragende Brücke zu positionieren, die Entwicklung am Menschen so praktisch erfahrbar macht und als Werkzeug oder als Weg bereitsteht, um uns zu entwickeln. Natürlich geht es auch für uns hier darum, einfach mal, sage ich mal, ins Vernetzen zu kommen und auch vielleicht das ein oder andere Wissen von einem Ort zum anderen zu geben und uns einfach nochmal in die Augen zu schauen und zu sagen: Hey, wir sind jetzt auch hier, wir wollen mit euch gerne uns zusammenschließen und auf den Weg machen und gucken, wo es was zu tun gilt.
Die Leitfrage, die ich für die Podiumsdiskussion vorliegen habe, ist: Wie verbinden wir diese biodynamischen landwirtschaftlichen Prinzipien und Bildung so, dass daraus sogenannte konkrete Zukunftskompetenzen werden, die für Menschen, Betriebe, Jugendliche und Kinder und ganze Regionen von Relevanz sind? Denn wir sind uns ja alle bewusst, was es für Herausforderungen gibt.
Eingeladen dazu habe ich Hanna von Bredow, die hier die Loheland-Stiftung vertritt, als Leiterin des Hofs Loheland. Einige von euch haben mit ihr auch schon eine Hofführung heute durchgemacht. Danke dafür. Sie ist ausgebildete Waldorf-Klassenlehrerin, aber auch ausgebildete Landwirtin und studierte Ökologische Agrarwissenschaften in Kassel-Witzenhausen und hat auch eine fachliche Ausbildung am Dottenfelderhof hinter sich zum biodynamischen Landbau.
Auch von der Loheland-Stiftung, als Vorstandsmitglied, haben wir Professor Dr. Marcelo da Veiga. Er ist jetzt hier auch als Hochschullehrer an der Alanus Hochschule, also als Professor für Philosophie mit den Schwerpunkten Anthroposophie und gesellschaftliche Innovation. Ich erlaube mir manchmal Sprünge. Aber irgendwo ist das ja auch ein Kreis. Also, er hat die Alanus Hochschule mit aufgebaut und auch als Geschäftsführer, selber an Waldorfschulen tätig war er und forscht unter anderem eben auch zusammen mit der biodynamischen Bewegung an Fragen, die den, sage ich mal, kulturgeschichtlichen Kontext der biodynamischen Bewegung anschauen, und hat dazu eben auch ein tolles Buch geschrieben, "Ethischer Universalismus". Das liegt da hinten aus, nur um damit mal auch ins Gespräch zu kommen.
Wir haben auch weiterhin Dr. Manfred Schulze – und ja, ich springe, deswegen bitte ich nochmal, die Hand zu heben – vom Hof Haide aus der Nähe von Kassel. Als Gründer und Betriebsleiter von Hof Haide hier und Hof Haide... der Name kommt von Kaspar Hauser, hat als, sage ich mal, Arbeitstitel: Arbeitsgemeinschaft für Menschenbildung, Sozialkunst und Landbau. Ja, du giltst auch als Vordenker der Handlungspädagogik und hast auch viel in den Bereichen publiziert.
Neben dir Martin von Mackensen vom Dottenfelderhof aus der Nähe von Frankfurt, als Landwirt dort tätig am biologisch-dynamischen Hof und Leiter der staatlich anerkannten Landbauschule am Dottenfelderhof. Ja, vielen auch bekannt als Redner und Advokat der biodynamischen Bewegung. Vielen Dank. Leider konnten einige andere Vertreter aus dem Dottenfelderhof nicht kommen. Margarete Hinterlang und Guy Sidora, genau. Und wir hatten auch, Entschuldigung, wir hatten auch den Malte Bickel als Vorsitzenden der Bundesarbeitsgemeinschaft Lernort Bauernhof, der nicht kommen konnte.
Aber wer dafür kommen konnte, ist die Angela Hofmann aus SEKEM. Denn die hat auch den langen Weg angetreten, kommend aus SEKEM über die Landwirtschaftliche Tagung in Dornach, und hat gesagt, klar, ich mache mit. Ich habe hier drei Tage... sogar, hat sich alles angeschaut. Vielen Dank, Angela, dass du da bist. Helmy hat es schon erwähnt. Du hast also nicht nur die biodynamische Landwirtschaft in SEKEM mit aufgebaut, sondern hilfst eben auch maßgeblich in der Vereinigung der ägyptischen biodynamischen Bauern mit, dass sich das System verbreitet. Viel mit Präparaten.
So, das war jetzt ein wenig die Einführung. Jetzt darf ich mich auch mal setzen. Die Einführung in unsere Runde. Wenn ich was vergessen hatte, könnt ihr das natürlich gerne nachholen. Als Auftakt bitte ich euch doch mal, ein ganz konkretes Bild aus der Praxis zu teilen, sodass wir einfach Szenen aus eurem Leben und konkrete Beispiele erleben, wo man bei euch sieht, dass Landwirtschaft tatsächlich Bildung ist. Magst du anfangen?
Landwirtschaft als Bildung: Konkrete Bilder aus der Praxis 00:06:31
Hanna von Bredow (Sprecher 4): Ja, ich kann gerne anfangen. Für mich ist Bildung nicht nur die kognitive Bildung, sondern ganz klar auch die Bildung von inneren Fähigkeiten und die Suche nach dem "Wer bin ich und was bin ich?". So näher dran. Also Bildung ist nicht nur hier kognitive Fähigkeiten entwickeln, sondern diese Frage: "Wer bin ich und was will ich?" und diese innere Kraft zu entwickeln. Und da habe ich ein Bild vor Augen. Das war letztes Schuljahr, fünfte Klasse, ein Mädchen, die war eben erst seit der fünften Klasse bei uns, eher schwerfällig, wollte sich nicht bewegen, sehr so in sich, aber nicht bereit, sich der Welt zu öffnen. Und dann gab es Elsa, das Kälbchen. Und sie wollte Elsa unbedingt führen. Und das hat aber nicht funktioniert. Und dann habe ich ihr gesagt: "Schau mal, du musst dich aufrichten, du musst dich ja wahrnehmen können." Und dieses Mädchen hat es geschafft, das Kälbchen so toll zu führen, dass sie im Endeffekt die war, der ich die Kuh einfach so an die Hand geben konnte. Weil sie es geschafft hat, sich richtig aufzurichten. Und das ist so ein Bild, wo ich das sehe, wo es zusammenkommt.
Dr. Manfred Schulze (Sprecher 5): Das funktioniert auch, oder? Nur das? Ja, das ist eine sehr frühe Erfahrung, wo wir beim Heumachen waren auf dem Hof für unsere Tiere. Und wir hatten Studenten auf dem Hof, die angehende Erzieher waren und die dort für einige Tage waren, die große Probleme hatten, wo man duscht und wo man die Haare wäscht und wie man mit Wespen umgeht. Und eigentlich permanent auf der Flucht waren vor dem Natürlichen und vor dem etwas Schmutzigen. Und dann wollten wir eben Heu machen, die sollten helfen, aber sie wollten erst eine rauchen und dann standen sie außerhalb vom Hof, weil auf dem Hofgelände ist das nicht erlaubt. Und dann kamen unsere Kinder mit der Bahn, der Bahnhof ist ziemlich vor dem Ort und unser Hof ist noch weiter davor, und sahen, dass wir da am Heumachen waren, schmissen die Ranzen in die Ecke und kamen raus und haben Rechen geholt und haben Schwaden gemacht, damit ich da mit der Presse gut langfahren konnte. Das war so eine Frucht langer Arbeit natürlich, das macht nicht jeder gleich, der auf den Hof kommt, aber wenn man in diesem Arbeitsstrom ist und den spürt, dann ist eigentlich keiner davor geschützt, sich von diesem Strom mitreißen zu lassen. Und das war so ein Schlüsselerlebnis: Handlungspädagogik arbeitet mit Sog und nie mit Druck.
Martin von Mackensen (Sprecher 3): Ja, ich habe gedacht, ich nehme den heutigen Morgen. Ihr dürft gerne die Augen zumachen, ich beschreibe einfach. Ungefähr 25 junge Leute im Alter so um die 25, 28. Sie haben schon mindestens zwei Jahre Praxis und sie wollen jetzt einen Monat lang vertiefen, was ist eigentlich Biodynamik? Wir laufen so eine Viertelstunde, das ist toll für die jungen Leute, morgens vor acht loslaufen, es ist kalt, es ist ein bisschen über Null, es ist schon ein bisschen wärmer als hier jetzt von dem, wie es draußen aussieht, es ist wirklich... der Schnee ist weg und wir kommen auf einen Acker, der ist abgeerntet von der Hackfrucht und da ist Kartoffel gewesen und da sieht man noch so ein paar hohle, ausgefaulte Kartoffelreste und daneben waren Möhren. Und jetzt geht es darum, diesen Unterschied zu erkennen, der trotz zweimaliger Bearbeitung da ist.
Und die fangen an, auf die Knie zu gehen. Ich mache das schon auch vor, aber sie fangen an, auf die Knie zu gehen und wirklich zu fühlen. Nach der Kartoffel ist dieser Boden oben so zwei, drei Zentimeter wunderschöne, lockere, gare Krümel, die gerade frisch angefroren sind von der Nacht. Wenn man die so ein bisschen zur Seite schiebt – es ist wirklich kalt, man braucht einen Handschuh, es ist wirklich kalt – und da drunter ist ein bisschen feuchter, eher toniger Boden und wenn man noch ein bisschen schiebt, so, dann ist man drei Zentimeter, dann sieht man eine Schleifspur von einem Gerät. Geht ein paar Schritte weiter rüber und kommt dahin, wo die Möhren ganz sichtbar sind. Noch die kleinen Reste liegen da rum, auch zwei-, dreimal bearbeitet. Sind grobere Brocken, die sind ein bisschen verdrückt, verschmiert und die Schicht, die man zur Seite tun muss, ist gleich mal fünf, sechs Zentimeter. Diese etwas verdrückten, groberen Brocken, da drumherum auf ihnen noch relativ viel Unkraut.
Und jetzt ist es meine Aufgabe mit diesen jungen Leuten: nach vorne, nach vorne, nach "Was will ich?". Das, was jetzt richtig ist, bestimmt sich aus dem, was da hinkommen soll. Nicht wie das jetzt ist und ob das alles toll gelaufen ist, sondern ich muss ein Bild haben, was der nächste Schritt aus dem, was da hinkommen soll, ist. Da soll Hafer hin und der soll möglichst noch im Februar gesät werden. Wir sind in einem Trockengebiet, Frankfurt-Wetterau, es ist immer die beste Situation, wenn der Hafer schon im Februar gesät wird und das sind noch zwei, drei Wochen. Zwei warme Nachmittage und man kann eigentlich säen auf diesen Möhrenstücken. Undenkbar! Da wo die Kartoffel war, wunderschön. Und wie könnte jetzt dieses Bild in ihnen entstehen, ohne dass ich sage, so ist gut und so ist schlecht. Das ist das, was ich heute Morgen eine Dreiviertelstunde mit 25 jungen Leuten machen konnte und das ist das, woraus ich komme.
Dr. Manfred Schulze (Sprecher 5): Im Knie.
Angela Hofmann (Sprecher 6): Unsere Studenten der Organischen Landwirtschaft, die kommen immer zu Modulen auf die Farmen. Im ersten Jahr, wenn sie ganz neu sind, kommt das Bodenmodul. Da lernen sie den Boden anschauen, überhaupt wo kommt der Boden her und dann die Zusammenarbeit, dass der Boden überhaupt erst entsteht durch die Pflanzen. Und am Ende pflanzen sie dann auch die Kamille. So kleine Pflänzchen und die müssen schön reingesetzt werden. Das ist im Herbst. Kommen sie im Frühjahr wieder zum Pflanzenkurs und dann sagen sie: "Wo ist jetzt unsere Kamille, die haben wir doch da gesetzt." Da stehen inzwischen so große Büsche. Sag ich: "Das ist die Kamille, die ihr gesetzt habt." – "Achso." Dann dürfen sie die Kamille pflücken und trocknen und dann kommen sie im Herbst wieder zum Tierkurs und machen aus diesen Kamillenblüten das Präparat. Ein Jahr später kommen sie zu dem Ökonomiekurs, also zu dem Wirtschaftskurs, wo sie lernen, das Ganze zu berechnen. Was braucht es denn, damit ich jetzt die Kamille anbauen kann und wie ich sie dann verarbeiten kann und in den Teebeutel reintun und wo geht der Teebeutel hin und was kostet das Ganze und so weiter. Also diese ganzen Zusammenhänge können da erlebt und verstanden werden.
Prof. Dr. Marcelo da Veiga (Sprecher 2): Ja, ich kann leider nicht ganz so tolle Geschichten erzählen, weil ich, glaube ich, der Einzige Nicht-Landwirt bin hier. Aber dieses Thema Landwirtschaft beziehungsweise dieser landwirtschaftliche Umgang mit der Natur, der... ich habe mich an eine Szene erinnert beziehungsweise an eine Sache, die für mich wichtig geworden ist, als ich angefangen habe, mich mit Anthroposophie, so mit etwa 17, 18 Jahren, zu beschäftigen. Ich weiß nicht mehr genau warum, aber das Erste, was ich gemacht habe, war, einen Garten anzulegen und dann habe ich Pferdeäpfel und Kuhdung irgendwie im städtischen Bereich versucht zu ergattern und habe kompostiert und war völlig fasziniert davon, dass da plötzlich hunderte Regenwürmer da drin waren in diesem Haufen und nach einer gewissen Zeit eben dieser Kompost entstanden ist, womit man dann arbeiten konnte. Das hat mich magisch angezogen damals. Ich bin dann kein Landwirt geworden, aber das war irgendwie ein Schlüsselerlebnis, was mich dazu geführt hat oder unterschwellig dazu geführt hat, eben biologisch-dynamische Landwirtschaft noch ganz anders zu verstehen.
Und da möchte ich an etwas anknüpfen, was Helmy vorhin gesagt hat, dass es ja gar nicht auf die Kartoffel ankommt oder auf die Möhre, sondern dass biologisch-dynamische Landwirtschaft eigentlich eine Beziehungspflege ist. Eine Beziehungspflege zur Erde und zum Kosmos. Das hat eben auch diese kosmische Dimension, wofür es ja gelegentlich auch kritisiert wird und das ist eigentlich eine besondere Form der Ethik gegenüber der Natur, also die biologisch-dynamische Landwirtschaft. Und das ist mir aus dieser Zeit sozusagen als unterschwelliges eigenes Bildungserlebnis geblieben.
Future Skills und die Bedeutung der Naturnähe 00:16:23
Maximilian Abou El Eisch-Boes: Danke, du hast das so betont, bist jetzt vielleicht nicht der Landwirt hier in der Runde, aber du beschäftigst dich mit gesellschaftlicher Innovation und wir haben ja heute schon stark spüren können, dass es gesellschaftliche Innovation braucht, um gewissen Trends, die destruktiv sind, entgegenzuwirken. Und ich habe in der Einleitung was von Future Skills oder Zukunftskompetenzen gesagt, für die Handlungspädagogik einstehen soll. Kannst du dazu was sagen? Geht es da um Kompost-Erlernen oder um was geht es denn da? Ich möchte gerne, dass wir entwickeln, was für Kompetenzen wir eigentlich meinen. Vielleicht können wir da einstimmen und du kannst gerne darauf antworten.
Prof. Dr. Marcelo da Veiga (Sprecher 2): Klappt ja hier auch. Ja, dieses Konzept von Future Skills ist vielleicht nicht jedem vertraut. Das ist so ein Ausdruck, den vor allem der deutsche Stifterverband mit der Wende zur Digitalisierung verknüpft hat und sogenannte Future Skills formuliert hat, die dann viele Schulen und auch Hochschulen vor allen Dingen adaptiert haben und da geht es vor allen Dingen sozusagen darum, fit für die Technik zu werden. Also, das ist das, was man mit den Future Skills vor allen Dingen verbindet und jetzt eben seit zwei Jahren, drei Jahren eben auch noch das ganze Thema der Künstlichen Intelligenz.
Auf der anderen Seite hat es jetzt sozusagen eine Revision dieser Future Skills unlängst gegeben und man hat sich mit dem Phänomen konfrontiert, dass Hochschulen in gewisser Weise obsolet werden in Zukunft, also sagt der Stifterverband, an Bedeutung verlieren, weil das Studium zunehmend zu einem KI-Spiel wird. Das heißt, die Leute schreiben gar nicht mehr ihre Arbeiten selber, sondern lassen sie schreiben und/oder nutzen halt Werkzeuge, die zu sehr tollen Ergebnissen führen, aber sie lernen die Fähigkeit nicht, auf die es ankommt. Und das hat den Stifterverband dazu geführt zu sagen: Schule wird wichtiger, denn wenn man überhaupt Fähigkeiten erwerben muss, dann ist es nicht in der Hochschule, sondern in der Schule. Lange Zeit war ja der Schwerpunkt in der Bildungsdebatte auf Hochschule und jetzt ist plötzlich wieder Schule, weil es sogenannte bleibende Fähigkeiten gibt oder sozusagen nicht leicht austauschbare Fähigkeiten, die eigentlich die Voraussetzung dafür sind, dass man auch mit solchen Tools dann umgehen kann.
Und da versteht man natürlich vor allem so Rechnen, Schreiben, Lesen und so weiter darunter, aber auch... man merkt, dass man durch KI keine sozialen Kompetenzen entwickelt und auch das Verhältnis zur Natur sich daran nicht entwickelt. Und das ist, glaube ich, ein Feld, was jetzt sozusagen zu beackern ist und wo ich jetzt gerade in den Ansätzen, die man hier oder auch in SEKEM verfolgt, indem man Landwirtschaft integriert in den pädagogischen Alltag, dass man diese Future-Skills-Debatte auch um diese Fähigkeit, wie der Naturnähe, entwickeln kann. Es hat eine ganz interessante Studie gegeben Ende '25, im Dezember an der Universität von Lund in Schweden, die das Thema Biophobie, Angst vor der Lebendigkeit, thematisiert hat und diese Biophobie als einen wachsenden Trend eigentlich beschreibt, dass Menschen schlechterdings Ekel oder Angst haben vor der Natur. Also auch das Nicht-Ertragen, also dass da irgendwie es nass ist oder glitschig oder dass da Tiere sind oder dass die irgendwie riechen. Das ist zum Teil sogar schon ein Krankheitsbild, was therapiert werden muss. Das hat jetzt die Universität Lund in Schweden festgestellt. Und ich denke, das ist ein brisantes Thema, denn durch die Lebensweise, die wir heute haben, wird diese Entfremdung bestärkt und die Integration von landwirtschaftlichen und gärtnerischen Erfahrungen in den Schulalltag sind dann aus meiner Sicht ganz sicher in die Future Skills zu zählen. Danke.
Maximilian Abou El Eisch-Boes: Angela, kannst du das bestätigen, diese Aversion, sich in die Natur zu stürzen? Kennst du das bei deinen Studenten und Schülern oder auch bei Erwachsenen?
Angela Hofmann (Sprecher 6): Oh ja. Also die Studenten, wenn die neu kommen und dann kommen sie da mal am Stall vorbei, dann kommen die Taschentücher raus und dann muss man sich die Nase zuhalten und dann, wenn man was sagt: "Dann macht mal einfach die Nase auf, riecht mal, stinkt das wirklich oder riecht es einfach?" – "Ach so, ja, ist eigentlich gar nicht so schlimm." Oder auch, wenn sie mal in den Melkstand gehen und dann ein Euter anzufassen, das ist also für Stadtstudenten, die aus der Stadt kommen, ganz, ganz schlimm zuerst mal.
Maximilian Abou El Eisch-Boes: Martin, danke erst mal für das Teilen. Dahinter liegt ja nicht nur das haptische Anfassen oder das Entwickeln von einem Geruchssinn, sondern dieses Überkommen von einem Widerstand irgendwie. Was liegt denn da jetzt für eine Kompetenz, die es heutzutage braucht, dahinter? Kannst du das noch mehr erklären?
Martin von Mackensen (Sprecher 3): Ja, ja, das ist ganz zentral, dieser Punkt, was braucht es eigentlich? Weil das hat zu tun mit dem, was da festgestellt wurde, wir brauchen ja noch mehr Digitalisierung. Was macht das mit den Kindern? Noch mehr Erkaltung. Und was es braucht, ist Erwärmung. Wenn ich draußen bin und ich will mit meinen fünf Kollegen in der dritten Klasse oder wie auch immer diese Reihe Rote Bete bis heute Mittag schaffen, dann ist das ein Wärmevorgang. Und das sieht man sofort, da kann es regnen, die Klamotten, wenn die wirklich dran sind, fliegen die Klamotten und so weiter, das ist sofort klar. Und das fehlt uns überall. Ich kann das auch von mir selber biografisch sagen, durch diese Wärme in der Jugend verbinde ich mich mit der Welt, mit dem Geruch, mit der Erde, mit allem. Es ist das zentrale Motiv und wir müssten das wirklich wissenschaftlich gut aufarbeiten, dass wir das auch medizinisch klarstellen können. Das hat sofort auch eine medizinische Bedeutung. Wenn ich mal wirklich schwitzen kann und nicht nur später dann nach der Pubertät im Gym, also auf dem Laufband oder so, sondern wenn ich schwitze, weil ich etwas zusammen, gemeinsam erreichen will. Und das Schwitzen, es geht mir jetzt nicht um das Schwitzen primär, sondern das Phänomen: Ich bin als ganzes Wesen wärmer, als ich es brauche, und ich strahle das aus, dass ich ein Ziel habe. Das würde ich sagen, ist das Allergrößte, was wir eigentlich immer wieder für uns selber und für die Kinder erreichen müssen. Und das ist das, was in der Natur wirksam ist.
Es gibt ja eine zweite Seite von der ganzen Frage. Was macht das eigentlich mit den Naturzusammenhängen? Was ist eigentlich... warum sind bestimmte Höfe... da kommt man drauf, merkt, hier ist irgendwie alles ein bisschen anders. Und dann hört man: Ja, da ist seit Hunderten von Jahren eine bestimmte Art von Landwirtschaft, oder da war ein Kloster oder wie auch immer. Das bleibt doch an dem Boden. Das wäre ja ganz komisch, wenn es nicht so wäre, sonst gäbe es ja gar nicht diese Pflanzen, diese Tiere, diesen Kulturboden. Das heißt, da gibt es auch eine große Verantwortung einer zukünftigen Zuwendungsweise, die überhaupt den Planeten lebensfähig macht. Ich will jetzt nicht weiter...
Maximilian Abou El Eisch-Boes: Ich frage jetzt mal...
Zuschauer (Sprecher 10): Mach ruhig.
Maximilian Abou El Eisch-Boes: Manfred, als du hierher gekommen bist heute, hast du da was spüren können, weil du bist ja erfahren in dem Wahrnehmen von Höfen und kommst selber von einem. Wie ist das, wenn du jetzt hierher kommst, was nimmst du wahr?
Dr. Manfred Schulze (Sprecher 5): Ja, nach anderthalb Stunden Autofahren ist diese Wahrnehmung ziemlich zerschossen. Ich habe eure fleißige Arbeit wahrgenommen, den Weg zu bahnen hier rauf, das fand ich sehr schön, und Schilder aufzuhängen an dem neuen Ort. Also nicht empfangsbereit war der Ort. Das war schon sehr spürbar. Und viel mehr war erst mal nicht. Also das ist eine Frage, die mich etwas überfordert, weil diese Wahrnehmungsfähigkeit, über die wir gerade sprechen... der Steiner hat natürlich auch dazu was gesagt, nämlich dass die Aufnahme denaturierter Lebensmittel genau zu dieser Aversion führt. Also wenn man sich mit adaptierter Milch schon bei Säuglingen tätig fühlt, dann entsteht ein Ekel vor allem Natürlichen. Und wenn das weiter so geht, dann haben wir tatsächlich einen so zusammen-erkalteten und geschrumpften Lebensorganismus, dass jede Verbindung, die wir aufnehmen, uns eigentlich erschreckt. Das ist wirklich wie eine Angst, das ist ein bisschen wie Spinne. Das ist eigentlich schön, aber das überwältigt uns und wir können nur mit Aversion reagieren. Also das ist ein langer Weg, den man manchmal gehen muss, ehe das wirklich überwunden werden kann. Und man sich wieder verbindet. Das ist das Hauptthema, wieder in Verbindung gehen.
Widerstände überwinden und Handlungsräume für Kinder schaffen 00:26:31
Maximilian Abou El Eisch-Boes: Hanna, hast du konkret einen Tipp, wie man Schulkindern hilft, da einen Kopfsprung reinzumachen in dieses Feld, was eigentlich vielleicht auch ein bisschen angsteinflößend ist für viele? Also du beschreibst das zum Beispiel mit diesem: "Hey, richte dich mal auf und hier hast du mal die Kuh." Gibt es da andere Tipps, die du wirklich anwendest in deinem Alltäglichen?
Hanna von Bredow (Sprecher 4): Ich könnte einmal beschreiben, wie es bei den ersten Klassen oft ist, weil sich die Sachen meistens tatsächlich nach einem Jahr Hof schon gegeben haben. Aber in der ersten Klasse sind einige Kinder, die ankommen und nicht nur in Bezug auf Hof, sondern auch in Bezug auf andere Fächer, ein starkes "Nein". Nö, das mache ich nicht. Nein, nein. Also eine ganz, ganz starke Abgrenzung mitbringen. Es gibt auch ein paar Kinder, wo wir am Hof merken, die kommen tatsächlich mit Angst. Also die haben dann Angst vor den Tieren und so weiter und so fort. Meine Erfahrung ist, dass es nicht hilft, dort sie quasi mit Druck in die Landwirtschaft zu zwingen, sondern dass die Kinder einerseits ihre Wirksamkeit auch wahrnehmen können.
Zum Beispiel ein Junge, letztes Jahr erste Klasse, der wollte nicht mit in die Tiergehege. Das ist schon eher unüblich, dass ein Erstklässler nicht mit in die Tiergehege möchte. Aber er hat gesagt, nein, er will lieber nach Hause und Computer spielen. Okay. Irgendwann hat er aber den Kühen ein bisschen Heu gegeben und die haben das aus seiner Hand genommen. Und er war unglaublich fasziniert. "Die haben das Heu aus meiner Hand genommen!" Und dieser Junge hat in den Wochen darauf einfach immer wieder sich die Aufgabe gesucht, die Kühe zu füttern. Und darüber ist er reingekommen in dieses Kontaktaufnehmen mit Lebewesen. Und bei anderen Kindern haben wir das so, wenn die sehr ängstlich dabei sind, sie müssen natürlich nicht ins Tiergehege, aber sie kommen erst schauen und dann dürfen sie auch mal vorsichtig anfassen. Und auch da, jetzt das Mädchen ist in der zweiten Klasse, ist es gar kein Problem mehr. Und das Dritte vielleicht noch, gerade diese Kinder, die so stark Nein sagen, da steckt ja häufig eine Angst auch dahinter. Die Angst, die Sachen vielleicht nicht richtig zu machen, sie können sie nicht einschätzen. Und was da ganz wunderbar funktioniert, ist, ganz bildlich zu werden und die Kinder wirklich altersgemäß abzuholen und ihnen dann Aufgaben zu geben, wo man weiß, das schaffen sie auf jeden Fall, damit diese Kinder erst mal ein Vertrauen aufbauen können.
Dr. Manfred Schulze (Sprecher 5): Ich hätte dazu noch eine Anmerkung, dieses Speisungswunder, das ist ja ein Urbild, dass ein Kind etwas reicht und das Tier das annimmt. Das setzt aber voraus eine Kulturarbeit an dem Tier, dass das Tier nämlich zu dem Menschen kommt und dem Menschen das schenkt. Die Beziehungsaufnahme macht ja nicht der Mensch zu dem Tier, sondern das macht die Tierseele zu dem Menschen und darin wird das Kind glücklich. Also wirklich, es weitet seine Seele auf und es entsteht so etwas, wie eine Ur-Empathie, die in dieser Begegnung entstehen kann. Also wenn man sich Zeit lässt, wenn man keinen Druck macht: warte ab. Ja, aber das Tier wartet auch und wenn es ein Angebot bekommt, frei und kann das annehmen, weil es gewöhnt ist an den Menschen, weil es darauf wirklich auch mit dem Menschen geübt hat, zu ihm zu gehen und nicht vor ihm zu flüchten. Es gibt ja auch scheue Tiere, bei den Hühnern ist das bis heute, 7.000 Jahre Kulturtätigkeit, sind immer noch die ängstlichsten aller Haustiere. Das ist eine ganz andere Geste da.
Planetarische Ethik und die Rolle der Schulen 00:30:15
Prof. Dr. Marcelo da Veiga (Sprecher 2): Ja, ich würde nochmal ganz gerne anknüpfen an diese Studie über die Biophobie. Also der Gegenbegriff dazu ist hier Biophilie, also Freundschaft zur Natur. Und interessant ist, dass man beschreibt, dass das eigentlich erst mal der natürliche Zustand ist. Also der Mensch wird nicht mit Biophobie geboren, sondern die erwirbt er sich durch gesellschaftliche Vorgänge. Und was diese Forschergruppe da umgetrieben hat, ist vor allen Dingen auch die Beobachtung, dass diese um sich greifende Biophobie zu einer völligen Gleichgültigkeit gegenüber dem Thema Nachhaltigkeit und Umweltschutz führt, weil man die Natur als feindlich erlebt. Wird sozusagen dieses ganze Thema, was uns ja heute umtreibt, plötzlich stößt auf Gleichgültigkeit. Und das wollte ich nochmal hervorheben.
Und vielleicht anknüpfend daran, gibt es aber in der Philosophie so eine neue ethische Richtung, die sich planetarische Ethik nennt, also jetzt so als besondere Form der Ethik. Die finde ich unter dem Gesichtspunkt interessant, weil sie sagt, wir müssen sozusagen die Natur nicht vom Menschen her denken, sondern den Menschen auch von der Natur her denken. Also eigentlich das, was bei indigenen Völkern und im Schamanismus eigentlich der Standard ist, sage ich jetzt mal, dass man von vornherein den Menschen als eingebettet in die Natur erfährt und dann auch ein brüderliches und schwesterliches Verhältnis hat. Und diese planetarische Ethik wird plötzlich als so eine Entdeckung von manchen gefeiert. Dabei ist es was Uraltes, was verloren gegangen ist, eigentlich eines der ältesten Dinge. Und dass man sozusagen von der Peripherie her denkt und den Menschen nicht nur als Nutznießer der Natur versteht, sondern als Bestandteil der Natur. Also das zeigt eben, dass es da sozusagen nicht nur Besorgnis gibt oder Feststellung von Missständen, sondern dass wir auch in einer Zeit leben, wo das auf unterschiedlichste Art und Weise auffällt. Sei es jetzt durch Handlungspädagogik oder Future Skills, die jetzt auch solche Elemente einbeziehen, oder eben durch so eine Idee einer planetarischen Ethik, dass wir da an einem Scheidepunkt stehen, dass wir da was machen müssen, dass diese angeborene Biophilie eben erstmal gefährdet ist und dass man das kultivieren muss, damit die sozusagen nicht verschüttet geht.
Maximilian Abou El Eisch-Boes: Okay, das hört sich erstmal danach an zu sagen, wir müssen mehr auf die Bauernhöfe, die sich mit dem Thema Entwicklung aus einer ganzheitlichen Perspektive beschäftigen und zu Ende denken, was man da tut, auf dem Hof, auf dem Feld, besuchen und möglichst viele Erfahrungsräume aufmachen. Wie ist denn das, damit rennt man ja nicht überall offene Türen ein. Also jetzt gerade, wenn ich jetzt an diese Schnittstelle zum Bildungssektor denke, wie erlebt ihr das mit Lehrern? Wie erlebt ihr das vielleicht auch mit Menschen, die an verantwortlichen Stellen in der Politik sind? Wird das unterstützt oder ist das so "nice to have" on top und muss man da darum kämpfen? Wer möchte darauf antworten? Ich hätte da was zu sagen.
Dr. Manfred Schulze (Sprecher 5): Das ist verschieden. Also ich erlebe zum Beispiel in den Jugendämtern, wir arbeiten ja seit 25 Jahren mit Kindern aus der Jugendhilfe, die eigentlich in dem System schon gescheitert sind, und die schauen mit sehr großem Wohlwollen darauf, dass sie bei uns scheinbar Dinge lernen können, die sie sonst im System der Bildung nicht mehr erreichen können. Also eine gewisse Selbstbewusstheit, ein umfassendes Denken, eine gewisse Aufgewecktheit, Empathie, das sind alles Dinge, die man im System der Schule wenig lernt. Die Schule erlebe ich eben so, dass wenn Lehrer kommen... wir haben auch Fortbildungen gemacht, eben auch mit Lehrern und Landwirten in Handlungspädagogik, damit man das Crossover hinkriegt. Der Lehrer ist eben Lehrer geworden, damit er nicht mehr arbeitet. Ja, handwerklich. Also ein alteingesessener Wildnispädagoge, den ich kürzlich mal gehört habe, hat gesagt: "Das ist schön, wir machen Kurse und da kommen ganz viele Leute, das sind alles Erzieher und Pädagogen. Was wir bräuchten, wären Handwerker, weil es etwas zu tun gibt in der Welt." Und diese Konversion des Lehrenden zum Werkenden, zum Tätigen... Handlungspädagogik heißt, glaube ich, schon so, weil da mit der Hand was zu tun ist. Und das ist nicht leicht. Also da erlebe ich auch nicht... diese Idee, den Hof zu gründen, den wir gemacht haben vor 25 Jahren, war ja eigentlich, zusammen mit den Kollegen eine ganz andere Art von Ausbildung zu machen für den pädagogischen Beruf. Ist keiner mitgekommen.
Maximilian Abou El Eisch-Boes: Wie erlebst du das, Hanna, wenn du ja auch eng mit Kollegen und Kolleginnen zusammenarbeitest, die zum Beispiel mit der ersten, zweiten, dritten, vierten Klasse zu dir für einen Tag auf dem Hof kommen? Wie läuft das?
Hanna von Bredow (Sprecher 4): Ja gut, jetzt sitzen im Publikum noch ein paar davon, da kann ich mich ganz frei strecken.
Maximilian Abou El Eisch-Boes: Keine Namen, aber sei ehrlich, sei mutig.
Hanna von Bredow (Sprecher 4): Also ich finde die Zusammenarbeit mit den jüngeren Klassen total schön. Das muss ich schon sagen, ist auch toll. Bei uns kommen ja die Klassenlehrer und Lehrerinnen und auch die Helfer und Helferinnen, wenn die Klasse noch einen hat, mit zum Hof. Und da habe ich schon erlebt, dass sich jetzt in diesem einen Jahr auch etwas getan hat, dass auch die Erwachsenen dort noch mehr reinkommen. Und da erlebe ich es als eine sehr gute Zusammenarbeit.
Ich kann noch einen Wunsch äußern, und zwar ist unsere Zusammenarbeit in der Schule in Loheland noch gar nicht so weit in die höheren Klassen vorangeschritten. Und ich sage nicht, dass das nicht so gut funktioniert, aber da sehe ich ganz, ganz viel Potenzial, wo wir noch hinkönnten, im Sinne von fächerübergreifendem Unterricht. Und tatsächlich ist es schon so, je höher man kommt in die Klassen, desto häufiger hört man sowas wie: "Ja, aber die Kinder, die Schüler und Schülerinnen, die müssen etwas lernen. Und keine Zeit. Und noch Sport." Ja, eher: "Die müssen noch Mathe und Physik und Chemie und so weiter und Abitur." Und da hoffe ich tatsächlich, dass wir dieses Jahr den Durchbruch schaffen zu dem Gedanken, dass eine anschauliche Einheit zur Hebewirkung auf dem Hof drei Physikstunden eigentlich ersetzen kann. Dass wir dazu kommen, dass wir es miteinander verknüpfen, um auch in den höheren Klassen guten Unterricht zu machen.
Abitur auf dem Acker: Ein revolutionärer Ansatz 00:37:42
Maximilian Abou El Eisch-Boes: Ja, das ist ein wirklich tolles Ziel. Da geht es um eine Übersetzungsleistung auch von dem, was wir konzeptionell als Curriculum bezeichnen, was der Staat ja auch vorgibt. Und dann zu sagen: Hey, das kann man doch alles am Hof machen, richtig? Verstehe ich dich da richtig?
Hanna von Bredow (Sprecher 4): Ich glaube, es braucht hauptsächlich jemanden, eine Person, die sich das wirklich als Herzensprojekt auch annimmt und dort ein bisschen Zeit reinsteckt. Weil ich glaube, dass sich das ganz schnell sehr gut verbinden kann.
Maximilian Abou El Eisch-Boes: Martin, du bist ja in der Erwachsenenbildung auch tätig und bildest ja zum Teil auch herangehende Lehrer aus, um genau diesen Spagat, diesen Schritt, diese Übersetzungsleistung zu machen. Was sind denn da die Zukunfts- oder Hier-und-Jetzt-Kompetenzen, die man vielleicht erst mal an den Erwachsenen üben muss, damit es dann transportiert werden kann?
Martin von Mackensen (Sprecher 3): Ja, also das ist wirklich... das macht richtig Spaß und gleichzeitig ist es eine Mordsherausforderung. Weil die beste Abi-Aufgabe in Bio, die ist eben eigentlich gar nicht irgendwas aus einer Skizze da rausarbeiten, sondern die wäre ja jetzt etwas wie: "Selektiere ich jetzt hier diese Pflanzen für das nächste Jahr", und die Leute dafür fit zu machen. Also ich hätte großen Spaß, mit einem Kultusminister zu sagen: "Komm, wir machen das jetzt wirklich mal." Dass diese Eltern und dieser ganze Druck, "ich muss das gute Abi machen und die Abi-Aufgabe" und so weiter, das können wir alles üben auf dem Hof und der kann nachher Grundlagen der Pflanzenselektion. Und das macht der praktisch. Und dafür kriegt er die Abi-Note in Bio.
Also das richtig umzudrehen, nur dann wird es was. Wenn es immer nur so "ach, das Nette, Waldorf-mäßige, Atmosphärische", das so ein bisschen obendrauf, die Sahnesoße obendrauf... das reicht nicht. Das muss man wirklich komplett umdrehen. Und die Not in der Gesellschaft, das ist da. Wir haben nur nicht den Mut zu sagen: Das muss man jetzt einfach mal machen und gebt uns mal die Möglichkeit. Also ich bin ja Schüler der Kasseler Waldorfschule, die hat '68 diesen Mut gehabt zu sagen: Das mit diesem Abitur, das reicht nicht. Man muss berufliche und allgemeine Bildung zusammen machen. Das ist vielleicht heute gar nicht mehr der letzte Schrei, aber das war unglaublich mutig. Und solche Sachen brauchen wir ganz viele, wenn wir wirklich das Ding knacken wollen.
Maximilian Abou El Eisch-Boes: Das sind Abiturienten mit Handwerk.
Martin von Mackensen (Sprecher 3): Ja, genau. Und die Note kommt aus dem Handwerk. Aus dem "Ich kann verbinden, das, was hier passiert an dieser Pflanze, in Bezug auf diesen Betrieb, auf das, was ich alles damit einbezogen habe, das kann ich jetzt richtig beziehen". Und da kann ich auch eine Transferleistung erbringen usw. Das mal runterzubrechen und wirklich zu machen, das wäre richtig cool. Das würde ich gerne noch erreichen.
Maximilian Abou El Eisch-Boes: Ja, das ist eine Lebensaufgabe. Und ich denke mal, das spielt auch diese Verrücktheit an, die wir von vorhin auch so mitnehmen. Wir müssen etwas radikal Verrücktes machen. Dazu?
Hanna von Bredow (Sprecher 4): Ja, dazu noch einmal, weil das gerade fiel, dass das so aus der Waldorfwelt ist. Es lebt nicht nur in der Waldorfwelt. Ich war jetzt auf der Jahrestagung von der BAGLoB, Bundesarbeitsgemeinschaft Lernort Bauernhof. Da ist ein Bruchteil Demeter. Also es lebt einfach in einem viel größeren Rahmen schon. Und ich glaube, das Wichtige ist, sich da zu vernetzen, dass das nicht Einzelstimmen bleiben.
Diskussion: Überzeugungsarbeit bei Eltern und Lehrern 00:41:11
Maximilian Abou El Eisch-Boes: Ja, es gibt eine Meldung aus dem Publikum und ich öffne das gerne jetzt schon, wenn es dringende Fragen gibt. Ich bringe ihn dann einfach zusammen.
Zuschauerin 1 (Sprecher 11): Ja, danke. [unverständlich] Aber gar nicht viele Sendungen, diese Erfahrungen braucht das Kind schon ab null und gar nicht die ganze Zeit.
Martin von Mackensen (Sprecher 3): Ja, und das hätte ja die Konsequenz, jetzt darf der Marcelo nicht zuhören, dass die Kindergärtner viel besser bezahlt werden als die Professoren.
Prof. Dr. Marcelo da Veiga (Sprecher 2): Ja, da hätte ich nichts gegen.
Maximilian Abou El Eisch-Boes: Ich glaube, da haben wir alle nichts dagegen. Nee, da hätte ich gar nichts gegen.
Zuschauer (Sprecher 12): Ich bin theoretisch auch ein Professor und deswegen ist das irgendwie cool.
Maximilian Abou El Eisch-Boes: Angela, wie erlebst du das mit dem... Hier, die Annette hatte sich gemeldet. Annette, möchtest du dazu was sagen?
Zuschauerin 2 (Sprecher 7): Nein.
Martin von Mackensen (Sprecher 3): Doch, sonst hört man dich da hinten nicht. Es geht auch nicht in den Film sonst.
Zuschauerin 2): Laute Stimme. Die Frage ist halt, Sie sagen jetzt die ganze Zeit: "Man muss, man muss, man muss." Sie sind seit, weiß nicht, 25 Jahren im Dienst. Sie sind seit 40 Jahren im Dienst, haben schon alles gegründet. "Man muss", "die Schulämter müssen" und so weiter. Die Frage ist, wie leiste ich die Überzeugungsarbeit a. an die Ämter, b. aber auch an die Eltern, die das maßgeblich betrifft, diese Schritte und diese Wege wirklich mitzugehen, und hier nicht zu sitzen in dem Stile von "man muss, man muss", sondern "wir haben geschafft, es zu tun". Frage.
Martin von Mackensen: Also ich bin, glaube ich, der Einzige, der deutschlandweit einen Bio-Leistungsgrundkurs auf dem Hof komplett abhält, komplett, nur auf dem Hof, und dafür eine Note geben kann für das Abitur. Also es ist nicht "man muss", sondern ich mache es.
Zuschauerin 2: Aber der Einzige in Deutschland.
Martin von Mackensen: Ja, und das können sich andere abkupfern. Und wir machen das alles öffentlich. Das kann man alles haben, das Material dafür. Gut. Gut. Ich sage das nicht, um mich irgendwie gut zu machen, sondern nur, um zu sagen, ich rede nicht über irgendwas, was theoretisch ist.
Zuschauerin 2: Nee, aber es widerspricht nicht dem, was ich gerade sagte, dass letztlich, was Hanna auch sagte, die Überzeugungsarbeit ansetzen muss schon bei den Eltern. Weil die Eltern müssen überzeugt werden davon, dass das der richtige Weg ist.
Angela Hofmann: Ja, und das können wir nur, indem wir es machen. Also bei uns mit den Studenten, da haben auch die Professoren gesagt: "Furchtbar, die können nicht auf den Hof gehen, die versäumen dann ja eine Woche oder zehn Tage von ihrem Studium, die können doch nicht dann so einen Quatsch machen." Und die Professoren, die jetzt mitkommen müssen auf die Farm, und da auch mit in den Stall gehen müssen und so weiter, das war auch gar nicht so einfach am Anfang. Und wir haben dann die Praktiker, die den Studenten das erklären und ihnen zeigen, wie man jetzt melkt und wie man die Kühe füttert und wie man das anschaut, wie zum Beispiel so eine Kuh aussieht und wie sie wiederkäut und so weiter. Und jetzt merken plötzlich die Professoren, dass sie von den Praktikern lernen können und die Studenten auch kriegen jetzt langsam eine Hochachtung vor den Praktikern, wo sonst der Bauer in Ägypten leider noch sehr schlecht immer angeschaut wird. Das ist so der Unterste in der ganzen Stufe.
Dr. Manfred Schulze: Bei uns steht der auch nicht über den Professoren.
Angela Hofmann: Über den Professoren nicht, aber vielleicht nicht ganz so weit unten. Aber auf jeden Fall, also diese Professoren und die Bauern, die Praktiker, die befreunden sich so langsam, bereiten diese Kurse jetzt zusammen vor, und wenn die Studenten kommen, dann ist das wirklich ein praktisches und freudiges Miteinander. Es braucht immer noch mich, die dann weiterhin die Sache hochhält und wenn die Eltern kommen und schauen, wo ihre Kinder wohnen und ob das auch alles gut ist, die dann den Eltern auch erzählt und so weiter. Aber es hat sich schon viel getan.
Prof. Dr. Marcelo da Veiga: Ja, bei so viel Professorenschelte brauche ich, glaube ich, eine Therapiestelle.
Dr. Manfred Schulze: War genug jetzt.
Prof. Dr. Marcelo da Veiga: Ja, wir haben dich jetzt da. Ich fand Stallgeruch immer gut. Also ich habe da gar keine Berührungsängste. Aber ich will vielleicht doch ein bisschen Sand ins Getriebe streuen, weil menschheitsgeschichtlich ist es ja so, oder überhaupt geschichtlich, dass wir aus einer Lebensweise kommen, die ja überwiegend bäuerlich war. Also noch im 19. Jahrhundert waren ja große Teile der Bevölkerung im ländlichen Raum tätig und waren ja einfach Bauern. Und trotzdem hat sich die Menschheit entfremdet, ist sozusagen in eine Seinsweise geraten, trotz dieses gewaltigen Hintergrunds der Naturnähe, dass sie sich der Natur gegenüber entfremdet hat. Und deswegen glaube ich, dass durch reine Praxis wird man das Problem nicht lösen können. Also das hört sich dann immer so an, das Problem liegt in der Theorie und wir haben zu wenig Praxis. Weil die Menschheit kommt aus der Praxis der bäuerlichen Kultur und hat sich dann in eine künstliche Welt hineinbewegt, weil das wohl auch irgendwie zum Menschen gehört. Und deswegen denke ich, dass das ideengeleitet sein muss. Also mir ist nicht bekannt, dass Steiner ein Landwirt war. Trotzdem hat er die biologisch-dynamische Landwirtschaft mitentwickelt oder miterfunden, aber aus einem Ideenbewusstsein heraus, was den Menschen in den Kosmos, in die Natur, aus einem neuen Bewusstsein heraus integriert. Und wenn man die Praxis nicht einbettet, sozusagen in eine Ideenwelt, dann glaube ich, wirkt sie nicht.
Dr. Manfred Schulze: Ich würde gerne... nicht, es gibt niemanden, der so entfremdet ist von der Natur wie der Bauer. Der ist Maschinenbauer geworden. Und er arbeitet mit den Maschinen. Und es ist ganz schwer, das ist auch das, was Helmy sagte, jeder konventionelle Betrieb, fast jeder andere auch, ist hoch verschuldet, also eine Umstellung... Man hat seine Stallungen gebaut, man hat sich in dem System arrangiert, auch mit den Maschinen. Und diese Frage, die der Steiner angestoßen hat, dass wir zu einer völlig anderen Zusammenarbeit kommen müssen mit den Naturreichen, mit den Tieren, mit den Pflanzen, mit den Elementen, um dann die Dinge wieder zu reintegrieren, die alle auseinandergefallen sind, das ist diese enorme Kultur-Zukunftsaufgabe. Und wenn wir die anpacken – und die kann man nur auf biologisch-dynamischen Höfen anpacken, weil dort die Idee dafür da ist. Ich komme als konventioneller Monokulturbauer, der nur Milch macht oder nur Weizen anbaut, kann ich schwer darauf kommen. Oder wenn ich die Idee fasse, bin ich sehr weit davon entfernt.
Aber was auch hier im Thema ein bisschen fehlt: Dass die Kulturaufgabe jetzt darum geht, mit den Tieren, mit den Pflanzen, mit der Erde und den Elementen völlig neu und erzieherisch umzugehen. Das ist so eine Hauptidee, die ich habe, dass wenn man pädagogisch arbeitet mit den Naturreichen, dann muss man das nicht mehr mit den Kindern machen. Was das im Konkreten heißt, ist ein eigener Vortrag.
Angela Hofmann: Wir sind ja heute wirklich in der Separation. Alles ist zerstückelt und einfach einsam. Und die biologisch-dynamische Landwirtschaft stellt ja diese Zusammenhänge wieder her. Und wenn man diese Zusammenhänge erlebt, in der Pädagogik, indem man das macht und das erlebt, fühlen und hinterher erkennt und das wirklich mit dem Denken durchdringt, das ist eigentlich das, was uns die biologisch-dynamische Landwirtschaft schenken kann.
Dr. Manfred Schulze: Und das steht auch so bei den pädagogischen Vorträgen bei Steiner. Der Gliedmaßenmensch weckt den Kopfmenschen. Der muss von unten rauf. Und nicht sitzen und lernen an der Tafel.
Martin von Mackensen: Aber die Tafel ist auch gut.
Dr. Manfred Schulze: Ja, die Tafel ist gut. Wenn man die Rezepte aufschreibt von dem Kuchen, den man gerade gebacken hat.
Hanna von Bredow: Ich würde ganz gerne das, was hier gerade von Marcelo auch gesagt wurde, dass es eben nicht nur darum geht, Praxis zu haben, sondern es geht ja darum, das nochmal ganz anders bewusst wahrzunehmen. Weil der Mensch hat sich jetzt davon gelöst und jetzt gilt es um einen neuen Zugang. Und wir versuchen, das mit den Kindern direkt auch zu erarbeiten, indem wir nicht nur ein bisschen in der Landwirtschaft sind und ein paar Praxiserfahrungen sammeln, sondern es geht ja ganz bewusst darum, Erlebnisse zu bekommen, über die wir dann aber auch gemeinsam sprechen. Das heißt, das ist bei uns im Hofunterricht immer zentraler Bestandteil, dass wir nicht nur mit den Kindern auch viel kommunizieren während der Tätigkeit, sondern dass wir danach uns wirklich zusammensetzen und fragen: "Was hast du denn erlebt?" Also das Ganze nicht nur im Körper lassen, sondern auch nochmal hochholen.
Und das tatsächlich von der ersten Klasse an. Und ich glaube, dass das etwas ermöglicht, was vorher, wo alle die Landwirtschaft hatten, nicht ermöglicht hat. Weil damals war es klar, wie es mit der Tierhaltung ist und es ist klar, was Fleisch ist. Aber jetzt lernen sie ganz neu. Die Kälber sind geboren. Und sofort haben wir Diskussionen auch darüber: Was passiert mit diesen Kälbern? Was heißt denn jetzt Tod? Was ist die Schlachtung? Und sie erleben, wie diese Tiere aufwachsen. Und die ersten Kälber, die wir jetzt gemeinsam quasi sich entwickeln sehen haben, das dauert noch ein bisschen. Aber ich weiß schon, wenn die geschlachtet werden, dass es wirklich eine emotionale Verbindung, die da entstanden ist, wo das Ganze nicht unterbewusst... in dem "so war es Jahrtausende", sondern wo es ganz bewusst neu gegriffen ist.
Der Hof als moderner Bildungsraum 00:51:52
Maximilian Abou El Eisch-Boes: Das ist wirklich eine Transformation auch des Angebots, was so ein biodynamischer Hof oder ein Bauernhof auch der Gesellschaft geben kann. Und da verändert sich was an dieser Farmindividualität, die ja dann gar nicht mehr primär wegen der Kartoffel oder wegen dem Fleisch oder so tätig wird, sondern auf einmal dieser Erfahrungsraum da ist und dieser Austausch und die geistige Entwicklung, die da stattfindet. Ich habe das in Loheland hier erlebt, dass da zwei Dinge zusammengewachsen sind, die traditionell nebeneinander waren: die biodynamische Landwirtschaft und die Waldorfpädagogik. Und heutzutage gab es diesen Schritt zu sagen: Und der Hof ist jetzt Teil der Schule. Das war ein Riesen-Umdenken und jetzt hat auf einmal der Hof als Aufgabe, diese Gespräche zu führen und nicht mehr profitabel zu sein und wird dadurch auch noch unterstützt von dem, was reinkommt an Bildungs-, Unterstützungs-, Finanzen etc.
Aber wir sind da noch nicht am Ende, also am Ende unserer Reise hier, aber am Ende von der Podiumsdiskussion. Ich möchte sozusagen, bevor ich noch eine Frage an die Zusammenarbeit und was wir uns voneinander wünschen, auch für das Publikum öffnen, nochmal anregen, vielleicht die eine oder andere Sache loszuwerden, eine Frage zu stellen oder... dass wir das einfach nutzen. Ich komme gleich runter zu dir, Jean-Marie, und dann fangen wir damit mal an. Aber um das nochmal zurückzuspielen: Was wünscht ihr euch denn voneinander, wenn ihr jetzt hier auch zusammensitzt? Ja, Hanna? Hanna, du zuerst. Sorry.
Hanna von Bredow: Nimm's von mir. Warum nicht? Genau, was wünsche ich mir? Ich wünsche mir, dass wenn jemand den Impuls hat, da mitzugestalten und auch dafür ein gewisses Maß an Verantwortung zu übernehmen, dass der sich sehr gerne an uns wenden kann. Weil, was ich erlebe, ist, dass ganz viel möglich ist. Es braucht nur wirklich einen Menschen, der das dann auch auf die Welt bringt. Das heißt, wenn es unter uns Menschen gibt, die da eine Kraft reingeben wollen, dann sehr, sehr gerne.
Maximilian Abou El Eisch-Boes: Freiwillige vor, Ordnung. Jean-Marie, du hattest eine Frage? Geht das nicht rum?
Zuschauer: Ja, das ist, glaube ich, passend. Ganz gut. Ich war sehr berührt von dem Vortrag von dir, Martin, wo du zum Beispiel auch über das Verständnis der Herde gesprochen hast. Ich glaube, wir als soziale Lebewesen haben auch noch viel Herdisches in uns. Also, wir laufen den Stieren nach. Und ich wollte nochmal gerne die Geschichte hören, wie SEKEM vor 40 Jahren, wie ich das heute erfahren habe, mit 40 Braunkühen aus dem Allgäu und einem Stier eigentlich so ein... das muss ja dann gewesen sein, 1980 oder um den Dreh angefangen hat und was du dazu beigetragen hast.
Angela Hofmann: Also, es war am 19. Februar 1982, weiß ich noch genau. Und es waren 40 Braunviehkühe aus dem Allgäu und ein Stier. Die wurden verschifft von Padua aus und kamen dann in Alexandrien an und wurden mit dem Auto nachts im Konvoi nach SEKEM in die Wüste gefahren. Ich war geflogen und habe sie dann in Alexandrien abgeholt und dann versucht, ihnen das Leben so schön wie möglich in der Wüste zu gestalten.
Dr. Manfred Schulze: Kühe in der Wüste, ja.
Angela Hofmann: Noch ohne großen pädagogischen Ansatz am Anfang.
Dr. Manfred Schulze: Das ist ein ganz großer pädagogischer Ansatz. Kühen in einem fremden Raum ein Wohlgefühl zu vermitteln. Die eigentlich vermitteln, Kühe sonst haben einen Überschuss. Robert Bly hat mal gesagt, eigentlich gehört in jede Schulklasse heute eine Kuh. Damit überhaupt diese Ruhe und dieses Verdauen und dieses innere Arbeiten ätherisch möglich ist. Und das hast du für die Kühe da gemacht.
Angela Hofmann: Das ist Pädagogik. Danke für diese Ansicht, ja.
Von der Idee zur Erfahrung: Die planetarische Ethik leben 00:56:40
Prof. Dr. Marcelo da Veiga: Ich würde ganz gerne nochmal bei Hanna anknüpfen. Ich hatte ja am Anfang gesagt, für mich war so ein Schlüsselerlebnis, zu begreifen, dass biologisch-dynamische Landwirtschaft eine Beziehungspflege ist. Und zwar in jeder Hinsicht. Und sozusagen auch eine ethische Haltung, die aus der Dankbarkeit gegenüber der Natur sich entwickelt. Und wenn der moderne Mensch das wieder erreichen will, was ja bei indigenen Völkern durchaus der Fall ist. Die sprechen mit den Bäumen, was wir ja für verrückt halten, oder mit Tieren und fragen, ob sie zu ihrer Nahrung werden wollen. Ich habe mal mit einigen Forschern gesprochen, die Stämme da im Amazonas sozusagen untersucht haben. Und das sind ja lauter Verhaltensweisen, die in unserer Gesellschaft gar nicht mehr möglich sind, dass jemand mit dem Tier, mit der Pflanze kommuniziert und dann sozusagen aus der Antwort, die er bekommt, dann sein Verhalten entwickelt.
Und deswegen würde ich nochmal sagen, der Erfolg einer solchen pädagogischen Maßnahme innerhalb eines Schulkomplexes oder eines Bildungskomplexes hängt eben davon ab, ob man die Idee dahinter heute versteht, sie beleben kann und dann eben eine entsprechende Bewusstseinskultur auch pflegt, die es ermöglicht, das, was mal instinktiv da war, heute eben durch bewusste Gestaltung herzustellen in einer neuen Qualität. Und das würde ich mir wünschen, dass man die Kraft der Idee nicht unterschätzt. Wir müssen von Ideen heute auch ausgehen.
Dr. Manfred Schulze: Ich meine, wir haben gerade eine, glaube ich, auch eine Revolution innerhalb der Naturwissenschaften, mit diesem genaueren Wissen, was schon in den Mikroben für Textverstehen ist. Wir sprechen von genetischen Texten, die Mikroben können lesen und schreiben scheinbar. Wir benutzen semantische Begriffe, um zu beschreiben, was da in dem kleinsten Biologischen zugeht. Wir pappen Mikrofone an die Bäume und merken, da ist was los. Da sind Geräusche, man kann sogar inzwischen merken, ob es dem Baum gut geht oder nicht. Das kann man auch, wenn man ihm gegenübersteht. Ich will nur sagen, Wissenschaft hilft aber, diese Aufklärungsarbeit zu machen. Ganz abgesehen davon, was man inzwischen von den Tieren weiß und so dumm sind die gar nicht, von wegen dummes Huhn. 30, 40 Wörter können die schon untereinander und wenn ich mit ihnen spreche, dann können sie noch mehr. Das ist meine Aufgabe. Was mir wichtig ist, glaube ich, es geht nicht darum, einen alten Zustand wieder herzustellen, obwohl wir an dem alten indigenen Zustand viel lernen können, sondern es geht darum, einen neuen freien Umgang zwischen den Menschen und den Naturreichen zu üben und das ist tatsächlich Schule. Das ist eine Art von gemeinsamer Schule, in die wir gehen.
Maximilian Abou El Eisch-Boes: Gibt es noch weitere Fragen? Ja, hier vorne.
Zuschauerin 2: Die Frage ist für mich trotzdem, es ist wunderbar in den Klassen von 1 bis 4 in diesem Sinne schon zu arbeiten, wie das hier in Loheland ist, und das ist gar keine Frage. Aber eben, was Herr von Mackensen sagte, der Weg weiter in die Oberstufe wird ein sehr, sehr schwerer Weg werden und das sage ich aus Erfahrung, weil das ist einfach eine Überzeugungsarbeit an die Eltern, aber auch an die Kollegen, die das begleiten müssen. Es ist nicht jeder Kollege bereit, im Stall mitzumachen oder auch nicht jeder Physiklehrer oder Biologielehrer. Die Frage für mich ist halt, wie können Sie oder wie könnt ihr miteinander in die Arbeit gehen, dass zum Beispiel hier Oberstufenschüler auch mal zu euch kommen, zum Dottenfelderhof oder wohin, um mal zu sehen: Wie machst du das denn da im Bio-Unterricht, dass da eine Abiturnote dabei raussteht? Und ab wann hast du die Schüler, die in dieser Weise bei dir arbeiten? Da du ja der Einzige im Beruf bist, wo das gemacht wird, würde ich vorschlagen, dass man auch da wirklich in Kontakt geht und diese Begeisterung, die dann hoffentlich zustande kommt, die wird ihre Wirkung haben. Das nützt es nicht, es nützt gar nichts, wenn wir sagen, das steht ab nächstem Jahr im Stundenplan, dass ihr jetzt alle mal ab der 8. Klasse hier im Stall arbeitet. Ich sag's jetzt mal ein bisschen einfach, das wird gar nichts bringen, weil die Begeisterung, die dazu kommt...
Dr. Manfred Schulze: ...das wäre ja auch ein Arbeiten mit Druck.
Zuschauerin 2: Ja eben, auch das, aber wenn die Begeisterung nicht dazu kommt, für die Eltern, für die Lehrer, werden wir einen sehr schlimmen Weg vor uns haben und der geht nur über die Erfahrung. Der geht über Sie im Prinzip, weil Sie der Einzige sind, der es macht.
Prof. Dr. Marcelo da Veiga: Aber das ist ja ein Zeichen, dass Allah uns liebt, wie Helmy gesagt hat. Wenn es schwierig wird, ist es ja ein Zeichen dafür, dass Allah uns liebt, hat ja Helmy gesagt. Ja.
Maximilian Abou El Eisch-Boes: Ja.
Dr. Manfred Schulze: Mehr Probleme, bitte.
Maximilian Abou El Eisch-Boes: Aber ich finde, der Punkt ist richtig und das darf ich jetzt so sagen, dass es auch in Ägypten dann nicht immer überall diskutiert wird, sondern da wird einfach Eurythmie auch zum Beispiel ins Curriculum reingeschrieben und dann wird das gemacht und im Tun auf einmal erscheint es als: Das ist genau das, was ich eigentlich erfahren will. Aber da wird auch nicht viel gefragt. Das finde ich hier manchmal schwierig. Also, das ist halt immer so frei.
Zuschauer: Hast du schon keine Antwort? Was ich sagen würde, wo die Diskussion rechtsinfern... der Herr hat gerade auch gesagt, die Wissenschaft zeigt eigentlich diese Erfahrung. Wir müssen ja nicht viel weiter jetzt gehen auf der Umstellung. Das ist natürlich toll, die Praxis zu erleben. Wenn wir die Mikrofone an den Baum hängen, ich glaube, wenn ich das jetzt nicht falsch zitiere, so hast du gesagt, dann können wir das auch lebhaften Schülern beibringen und dann kann ich mir schon sehr gut vorstellen, dass das Interesse ist, das auch leibhaft zu erleben. Und Hanna hat das ja auch gerade mit schönen Beispielen erklärt, wie sich dann im Prinzip eine andere Haltung auch an den Lebewesen, an der Natur, an der Pflanze, deren Teil wir sind... Wir sagen immer, wir gehen in die Natur, wir sind ja ein Teil der Natur. Und das zu spüren mit so einem Angebot, was Loheland bietet, finde ich gut möglich.
Die Rolle von Interesse und Begeisterung bei Pädagogen 01:03:25
Martin von Mackensen: Darf ich da kurz darauf eingehen? Das ist ganz wichtig, was Sie sagen. Und Hanna hat das eigentlich wunderbar gesagt, sie hat es nur wahnsinnig komprimiert gesagt. Ich sage das nochmal ein bisschen auseinandergezogen, sie kann ja dann widersprechen, falls ich es nicht treffe. Es geht darum, dass der Lehrer sich interessiert. Wirklich er sich interessiert, was passiert denn da zwischen der Pflanze und dem Boden und dem Tier. Und dass der Landwirt, der Gärtner, der Gartenbaulehrer, wie man ihn auch immer nennt, dass er sich wirklich interessiert für die brennendsten Fragen, die diese Pädagogen in dieser sechsten Klasse jetzt haben. Sonst wird das alles nichts. Wenn ich nicht wirklich das will, wenn ich nicht wirklich als derjenige, der die Kinder mit Enthusiasmus dahin bringt, an den Fragen interessiert bin, hat es keine Zukunft.
Ich kann nur sagen, von der Landwirtschaft aus, von dem, was dieser Kultur-Natur-Kontext ist, der superfragil ist, der gar evolutiv, ganz jung ist, der unheimlich von uns abhängt, der braucht ganz sicher Beziehung, Zuwendung, Hinwendung, inneres Interesse. Und wenn man das mal raus hat als Pädagoge, dann nährt das auch. Dann ist man auch... dann interessiert man sich dafür weiter. Was ist denn das eigentlich, wie die Pflanze wächst? Was heißt denn eigentlich das untere und das obere Blatt? Wenn das für mich eine interessante Frage ist, dann ist das plötzlich auch für den Zehntklässler eine Frage. Ich glaube, das hat sie vorhin eigentlich ganz schnell gesagt: Wir versuchen das beides in eins zu bringen. Ich glaube, das ist der springende Punkt. Wenn ich mich nicht wirklich als Pädagoge dafür mit erwärme, mich mit interessiere, das mit pflege, wird es nichts. Und wenn der Landwirt sagt: "Ich weiß, wie alles hier ist, ihr könnt ja mal kommen, aber nur bis hier", dann wird es auch nichts.
Ich bin mal mit einem gnadevollen Förster, ich sage es in der Story nochmal dasselbe, vier Stunden ganz schnell mit vielen Studenten durch einen Riesenwald gegangen, den er 40 Jahre gestaltet hat, mit Ameisen, wo die Bienen obendrüber waren und so weiter und so weiter. Dann gehen wir zum Schluss über das Gatter wieder raus und dann sagt er so: "Du glaubst gar nicht, wie gut das dem Wald getan hat, dass wir uns jetzt hier drei Stunden wirklich für ihn interessiert haben."
Zuschaue: Hanna, möchtest du dem was sagen?
Dr. Manfred Schulze: Dieses Interesse ist eben auch ein Speisungswunder. Wir wissen, dass in der Pädagogik, wenn ein Kind gesehen wird, gesehen werden ist eine geistige, spirituelle Nahrung. Und das gilt auch für Bäume und das gilt für Tiere. Alle Entwicklung, die wir einem Lebewesen geben, basiert darauf, dass wir unsere Aufmerksamkeit ungeteilt einem anderen schenken, dass wir uns so darauf zubereiten, dass der andere in uns aufwachen kann. Das ist die spirituelle Seite dieses Ganzen, sonst funktioniert es eben nie.
Hanna von Bredow: Ich wollte noch einmal auf Annette eingehen. Es hat für mich tatsächlich gerade zwei Ebenen, die Diskussion um die Oberstufe. Ich mache mir tatsächlich selber um Loheland hier nicht so Sorgen, weil unsere Schüler und unsere Eltern, die wachsen mit. Die erleben das ja schon und so wie wir gerade mit Erstklässlern beim Aussäen rechnen, so wird es auch weiter hochgehen. Ich glaube, das ist nur eine Entwicklungsfrage, wo wir als Schule aber durchaus schon einen Weg gehen. Ich glaube, die Oberstufe mit Landwirtschaft zu versorgen, ist die eine Seite, unabhängig von Loheland. Aber es ist nicht so, als wäre unabhängig von Loheland jede erste Klasse regelmäßig auf dem Hof. Ich glaube, dass das wichtig ist, dass wir Orte finden, wo dieser Kontakt passieren kann. Da geht es mir jetzt noch gar nicht um Curriculum-Schreiben für die Oberstufe, sondern es geht wirklich darum, dass die Kindergartenkinder angefangen eigentlich alle Grunderfahrungen sammeln können. Ich glaube, wenn das passiert, dass die alle wirklich bewusste Grunderfahrungen sammeln können, dann wird es auch höher wachsen, weil das Bewusstsein wächst ja mit. Jetzt zu überlegen, wie kriegen wir möglichst viele Schulen dazu, Oberstufenunterricht auf dem Hof zu machen, ist so ein bisschen das Pferd von hinten aufgezäumt. Das ist auch ein wichtiger Aspekt, wo Orte, wo es schon so ist, wie jetzt hier zum Beispiel, da können wir Aufbauarbeit machen. Aber ich glaube, wichtig ist, dass wir wirklich Erlebnisräume auch für jüngere Kinder schaffen und dass wir damit beginnen.
Maximilian Abou El Eisch-Boes: Dass man früh anfängt. So, Dankeschön. Ich möchte jetzt noch eine Frage aus dem Publikum zulassen. Wir müssen dann aber auch gucken, dass wir das Ding zumachen heute, damit wir auch alle nach Hause kommen sicher und nicht einschlafen auf dem Weg. Ja, möchtest du? Ja.
Zuschauerin 3: Ich möchte auch nochmal anknüpfen, weil ich bin eigentlich auch Luft gewöhnt. Ich habe lange im Kindergarten gearbeitet und wir gehen jetzt hier fort und mein Anliegen ist einfach, dass die Eltern das immer mit ins Boot holen und ich sehe das immer wieder. Es sind nur Einzelne, aber Kinder, die bis fast morgens auf den Pausenhof gefahren werden, ja, ist einfach so. Die rennen schnell per Text in die Klasse und zu spät. Und ich merke, die haben schon Stress. Die haben einfach schon Stress, wenn die ankommen. Und dann haben wir Kinder, die brauchen ihre 20 Minuten hoch von der Wende bis zum Schulbuch. Da wird jeder Regenwurm nochmal aufgehoben. Es ist jede Pfütze mitgenommen. Und das ist für mich schon der Anfang. Und deswegen auch mit den Eltern arbeiten.
Martin von Mackensen: Ich glaube, das macht das vielleicht auch.
Zuschauerin 3: Kann jeder mal, meine Tochter ist jetzt Oberstufe, die fährt dann auch hoch, weil sie es liebt. Das ist nochmal was anderes. Aber wenn in der dritten, vierten Klasse fünf Minuten zu spät kommen, ist das wirklich okay. Ich glaube, die fangen auch nie pünktlich an. Die Eltern arbeiten das auch relativ...
Hanna von Bredow: Aber daran anknüpfend, das ist vielleicht auch ein Impuls, den eigentlich jeder im Publikum mitnehmen kann. Es braucht nicht nur Schulen, die sowas machen, sondern genau das, jede Pfütze anschauen. Das sind Eltern, die selber sagen können, wir gehen jetzt in den Wald. Das sind, weiß nicht, irgendwelche Läden, die gucken können, dass sie ihre Beete wirklich begrünen, dass sie vielleicht sogar ein bisschen Gemüse hinstellen. Das sind jetzt einfach so Ideen, aber das können wir eigentlich in der gesamten Gesellschaft machen. Das sind jetzt nicht nur die Lehrer und Lehrerinnen. Und das ist auch was, wo jeder von uns ja anfangen kann.
Maximilian Abou El Eisch-Boes: Super. Und der Indikator dafür ist: Je mehr wir als verrückt bezeichnet werden, desto mehr wissen wir, dass wir auf einem guten Weg sind. Also vielen Dank euch, dass ihr im Podium eure Erfahrungen teilen konntet. Vielen Dank für alle, die jetzt hier gewesen sind und wahrgenommen haben und gesehen haben. Ja, ich wünsche Ihnen einen schönen Abend, euch einen schönen Abend und ich hoffe, wir können sowas öfters machen. Dankeschön an euch.








