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Die Orakelstätte zu Delphi, offen für jedermann, sprach die Verstandesseele an. Sie erzog zum eigenständigen Denken. Der Ratsuchende musste aus der Erkraftung des Denkens eine Frage vorbringen können, und die Antwort der Delphischen Pythia forderte in ihrer Mehrdeutigkeit abermals zum individuellen Denken auf. Das Griechentum trug in Nachklängen in sich verinnerlicht die ganze Mysterienweisheit der Vergangenheit. Der alte Grieche trat aber nach und nach aus der einstigen Mysterienführung heraus; er erfasste sich als ganzer Mensch, als denkende Persönlichkeit, die sich in vollendeter Harmonie, in allem die Mitte suchend, zwischen dem apollinischen Welterleben und dem dionysischen Erleben der eigenen Seelentiefen darlebte. Aus diesen beiden geistrealen Quellen schuf der Grieche seine hohen Kunstwerke; er gestaltete den physisch-materiellen toten Stoff und prägte diesem in der Formgebung seinen Geist ein. Aus der Abendröte der Mysterien ging die Morgenröte der griechischen Kunstschöpfung hervor. Ob in Plastik, Architektur, Musik, Malerei, Dichtung oder Philosophie, in allem steht der Mensch als Abbild des Göttlichen im Mittelpunkt. Aus dem Erleben der eigenen Leibesgestalt schafft er Skulpturen, die rein in der Formgestalt den Menschen über sich ins Göttliche emporheben, und baut Tempel, deren Raumgestalt nach den Maßen des Menschen gebildet ist. «Der griechische Tempel stellt die Verwirklichung eines gebauten Organismus dar.»[1] Und doch, so unerreichbar hoch gerade die griechische Plastik und Architektur
- ↑ Frank Teichmann:Der Mensch und sein Tempel: Griechenland, Stuttgart 1980, S. 79. – Zum Organismus-Gedanken siehe auch: Renatus Derbidge (Hrsg):Rudolf Steiner: Organisches Denken, Basel 2020, 256 S.






