Hof als Organismus - 5. Folge von Manfred Klett, 2018

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Dr. Manfred Klett am 12. Januar 2018 in der Landbauschule Dottenfelderhof. Hier klicken um zum Video zu gelangen

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Transkription Hof als Organismus - 5. Folge von Manfred Klett am 12. Januar 2018

+++ es handelt sich um eine maschinelle Rohtranskription, eine Überarbeitung von Hand, Herz und Geist ist noch erforderlich. Gerne kannst du MitTun +++

Rückblick: Bewusstseinsgeschichtliche Schritte und die vier Landbauströmungen 00:00:37

Ja, wir wollen die gestrige Betrachtung fortsetzen und ich schaue nochmal kurz zurück. Es war ja so, dass wir uns jetzt länger befasst haben mit dem ganzen Entwicklungsweg, der in die Menschheit gegangen ist in Bezug auf ihre bewusstseinsgeschichtlichen Schritte durch die Jahrhunderte und Jahrtausende hindurch. Und dass diese bewusstseinsgeschichtlichen Schritte – also von dem Erwachen des Ich in der Lebensorganisation des Menschen, von dem Erwachen des Ich im Empfindungsleib in der urpersischen Kultur, und von dem Erwachen des Ich dann in der Empfindungssele, in der ägyptisch-chaldäischen Kultur, und dem Erwachen des Ich in der Verstandessele oder Gemütssele, und jetzt heute stehen wir in dem Erwachen des Ich in der Bewusstseinssele –, das sind die großen Entwicklungsschritte im historischen Verlauf. Und wenn man sich in die hineinfühlt, also nicht nur hineindenkt, sondern wir sind ja auch fühlende Menschen, dass wir uns hinein versuchen zu versetzen in dieses Zeitalter mal unter diesem Gesichtspunkt, dass wenn man zurückschaut in die vorchristliche Zeit von Menschenanfang, die ungeheure Fähigkeiten hatten, aber weit entfernt davon sind, welche Fähigkeiten wir heute haben. Und die Fähigkeiten, die sie hatten, die haben wir heute nicht mehr. Sondern die Bewusstseinsentwicklung heißt Metamorphosen des Bewusstseins. Immer war der Mensch sozusagen auf einer hohen Stufe der Bewusstseinsbildung, aber eben entweder mehr träumend oder eben dann langsam erwachend, bis hin zum vollen Erwachen, das wir uns heute erleben als Menschen.

Aber wir merken, dass wir eigentlich in Bezug auf unser eigenes Erleben als Menschen heute doch ziemlich dürftig ausgestattet sind, dass wir zwar uns erleben, aber wenn es darum geht, die Pflanze zu verstehen oder den Himmel zu verstehen oder irgendwie ein Tier zu verstehen im Stall oder so, dann merken wir, dass wir da ziemlich schnell passen müssen. Dass wir eigentlich noch nicht wirklich durch die Oberfläche der Erscheinungswelt durchdringen mit unserem Bewusstsein heute. Aber wir sind wach geworden. Und wir wissen, dass es auf einen selbst ankommt, diese Wachheit immer wacher werden zu lassen. Also es ist ein Entwicklungsweg, den wir da versucht haben zu gehen.

Und jetzt haben wir gesehen gestern, wie da eine Frucht daraus entstanden ist, aus dieser ganzen Entwicklung, die sich dann in diesen vier Strömungen des Landbaus dokumentiert, in denen aber diese besonderen Fähigkeiten, Ackerbauer zu sein – sozusagen die moderne Bewusstseinsentwicklung ihrer Zeit, das prometheische Element –, dass das gebunden war an Völkerschaften. Nicht an den einzelnen Menschen, die so waren, danach war es anders, sondern das war wirklich noch so ins Blut eingebunden, in den Erbstrom. Durch die Jahrhunderte hindurch – stellen Sie sich mal vor, wie in diesen früheren Kulturepochen keine Schrift gab. Und trotzdem lebte in den Menschen ein Bewusstsein in Bezug auf Einsichten in die geistige Welt, das sich dann in Mythen niedergeschlagen hat, von unbeschreiblicher Dimension.

Also ich muss immer wieder neu sagen: Die Kalevala in Finnland, das Nationalepos, wie man heute sagt – das wurde ja von Lönnrot aufgeschrieben in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts, muss man sich mal vorstellen. Im Norden Kareliens hat er da die Bauern aufgesucht, die sonst kein Mensch je gesehen hat, da kam er gar nicht hin, im Gebiet bis rauf nach dem Nordmeer, in den Wäldern Finnlands. Da hat er die aufgeschrieben, hat gehört, was die Menschen sich da gegenseitig erzählen. Dann schreibt er das nieder, dann wurde die Kalevala draus. Das sind Tausende von Versen, die haben die treu erinnert. Das Erinnerungsvermögen dieser Menschen war weit, weit höher als das, über das wir heute verfügen.

So, und jetzt haben wir gesehen: Die Ackerbauer und demgegenüber polar dazu die Hirtenvölker. Eine völlig andere Bewusstseinsverfassung, und ich sagte, wie sich diese sozusagen spiegeln in dem Urbild von Kain und Abel. Kain der Ackerbauer und Abel der Hirte. Und dass sie eigentlich, möchte ich mal sagen, die Kulturträger waren in diesen vorchristlichen Zeiten, in Verbindung mit den Mysterien. Und dann hat es da herausgegliedert, der Gartenbauer und der Obstbauer. Das ist eine Errungenschaft. Und diese Errungenschaft nähert sich mehr und mehr jetzt diesem großen Ereignis der Zeitenwende und erfährt da eine totale Verwandlung. In dem sich dann erst im Verlauf einer gewissen Vorläuferzeit von 500 Jahren immerhin, nach der Völkerwanderung, jetzt plötzlich die Frucht dieser Verwandlung erzeugt, gerade in den Ländern, die zu der Zeit, man möchte sagen, noch in dem Zustand der Primitivität lebten. Das stimmt nicht ganz. Es gab nie primitive Völker in dem Sinne. Es gab immer eben Metamorphosen des Bewusstseins.

Mittelpunkt und Umkreis: Die Dorfschaft als Urzelle Europas 00:07:06

Und diese Menschen, die nun diesen Impuls hier aufgegriffen haben, die waren nun völlig anderer Art als all diejenigen, die in der vorchristlichen Zeit Kulturträger waren. Kommen wir nachher nochmal kurz darauf zurück. Und da ist nun folgendes entstanden.

Während das hier Menschheitsströmungen waren, die sozusagen locker nebeneinander existierten, zum Teil feindlich gesonnen, die Hirtenvölker gegenüber den Ackerbauern, und andererseits aber doch, ich möchte sagen, in einer lockeren Ansiedlung, mal hier, mal dort war der Obstbauer, der Gartenbauer, der Ackerbauer und so – es gab in vorchristlicher Zeit keinen Mittelpunkt, nur die Mysterien. Die Mysterien waren sozusagen die Mittelpunkte, aber die waren so verborgen und so geheim, da konnte kein Mensch rein. Da musste man erst Stufen der Schulung durchlaufen, ehe man überhaupt zugelassen worden ist zu den Mysterien. Und es gab in dem Sinne für das Bewusstsein der Menschen keinen Mittelpunkt irgendwo.

Und jetzt im Durchgang durch dieses Ereignis nun erscheint plötzlich ein Mittelpunkt. Und ein Umkreis. Mittelpunkt und Umkreis, das ist das große Geheimnis der ganzen Entwicklungen der nachchristlichen Zeit. Denn der Mittelpunkt heißt ja, dass die Menschen plötzlich etwas erleben, was in ihnen Mittelpunkt ist. Und das ist das Ich. Das Ich-Erwachen schreitet fort, durch die Zeiten hindurch. Und jetzt durch die Verstandeseele noch bis in die Bewusstseinssele, wo der Mensch mehr und mehr merkt: Ich trage meinen Mittelpunkt in mir selbst. Ich bin ein Ich-Wesen. Ich bin nicht du. Ich kann nicht sagen, ich wäre der andere, sondern ich bin der, der ich bin. Also diese Ich-Kraft, aus sich selbst sich bestimmen zu wollen als Mensch, ist neu. Ist erst seit der Neuzeit im eigentlichen Sinne immer deutlicher vorgetreten. Damals waren es noch wenige Menschen, wie so einer wie der Kopernikus oder der Galilei oder so, die so richtig vorgeprescht sind, dem ganzen Zeitalter. Oder in den Künsten der Raphael oder der Michelangelo oder Leonardo da Vinci. Oder Dürer oder Grünewald. Das waren alles Menschen, die der Entwicklung vorausgeschritten sind. Und die anderen sind nachgezogen. Und heute muss man sagen, wir alle, alle Menschen hier auf Erden, plus minus, und nicht nur in Europa, sondern rund um den Erdball, sind in einer Situation, dass jeder anfängt, Ich zu sich zu sagen. Und aus diesem Ich-Gefühl heraus, dieser Ich-Empfindung heraus wirksam zu werden in der Welt. Was zu wollen. Aus seiner Individualität heraus. Das ist das Neue. Das ist die Errungenschaft der Neuzeit.

Das veranlagte sich jetzt hier in diesem, was ich hier an die Tafel gemalt habe, dass hier ein Mittelpunkt ist, ein, ich möchte mal sagen, moralisch-sakraler Mittelpunkt, wo etwas an die Menschen herangeführt worden ist, aus dem Geiste, der sich hier eben artikuliert hat. Und dann jetzt ein Impuls gesetzt wird, dass aus der Kraft dieses Mittelpunkt-Erlebens heraus ein Stück Erde kultiviert wird. Mittelpunkt und Umkreis. Und außen herum waren Marksteine gesetzt. Bis hierher und nicht weiter. Gewiss, es gab noch die Bauernwälder, man hatte mal Ornatsrechte ringsherum. Aber im Grunde genommen war das sozusagen das Areal, auf dem sich das Urbild Europas entwickelt hat, die Dorfschaft. Die Dorfschaft. Das Dorf. Das ist ein unerhörtes Ereignis.

Städte, ich sagte ja schon, Städte gab es eigentlich so gut wie nicht. Die waren alle ausradiert, was vor nach-römischer Zeit noch existierte. Und erst nach und nach haben sich dann aus den Dörfern auch Städte entwickelt. Sondern was es neben den Dörfern gab, das waren die Klöster, verstreut über die Lande irgendwo. Und die Seefahrer, die sich auch zu dieser Entwicklung selbstverständlich beigetragen haben. Und die Pfalzen. Die Pfalzen, die waren auch verstreut über die Lande, wo der König oder der Kaiser von Pfalz zu Pfalz gezogen ist und hat gesehen: Hört mal, seid ihr königstreu oder nicht? Hat da Recht gesprochen. Der König, der Kaiser war in diesen Zeiten, ab Karl dem Großen ganz besonders, war Stellvertreter Gottes auf Erden, in Bezug auf die äußeren sozialen Verhältnisse. Und der Papst in Rom war der Stellvertreter Gottes in Bezug auf geistige Angelegenheiten. So war die Sache dann strukturiert etwa im 8. Jahrhundert. Karl der Große ließ sich Kaiser krönen in Rom und war damit legitimiert, jetzt die weltlichen Dinge zu regeln auf der Erde. Und der Papst war dazu legitimiert, oder hat sich selbst dazu legitimiert, über die geistigen Dinge zu befinden. Und so entstand dann auch damals eine Dualität – da möchte ich jetzt nicht weiter drauf eingehen. Damit war eigentlich veranlagt der ganze große Streit des Mittelalters zwischen Kirche und Königtum, von Karl dem Großen bis zu den Staufern im 13. Jahrhundert. Und das setzte sich natürlich auch durch alle Zeiten hindurch fort.

Aber nun, das Geheimnis ist hier: die Mittelpunktsetzung. Und ein geschlossenes Ganzes, ein Drumherum. Eine Dorfgemarkung. Und das, was die Menschen in diesem Mittelpunkt erlebt haben, indem sich am Altar ein bestimmter Kultus vollzogen hat, das hat die Gemütssele geprägt, nicht die Verstandessele. Sondern das menschliche Gemüt war so gewaltig in dieser Zeit ausgebildet – das ist immer wieder für mich erschütternd –, wenn Sie irgendwelche Bilder aus dem 9., 10., 11., 12. Jahrhundert anschauen, Malereien, was die Menschen da ausgestrahlt haben, diese Hingabe, eine totale Hingabe an irgendetwas, an irgendeinen Gegenstand der Welt. Alles, was die Welt den Menschen eingeprägt hat, hat das Gemüt geprägt und das Gemüt hat geantwortet in vollständiger Hingabe an das, um was es jetzt geht. Da sind alle jene Tugenden, waren da lebendig, die man zum Beispiel wie Ehrfurcht nennt. Ich frage Sie, wo lebt die Ehrfurcht heute noch? Das frage ich wirklich. Gibt es den Begriff überhaupt noch? Lebt der überhaupt noch im Bewusstsein?

Publikumsfrage: Ich glaube schon, dass es noch Momente der Ehrfurcht gibt.

Es ist nicht erloschen. Aber wenn man das mal vergleicht mit dieser Zeit damals – man schaue unter diesem Gesichtspunkt mal auf die ganze Kunst jener Zeit. Da wird man einfach sagen, mein Gott, was lebt auch in den damaligen Sagen und Mythen des Parsifal und so weiter. Da merkt man, was da in den Menschen für Kräfte noch lebten, aus der Gemütssele heraus, entweder drauf zu hauen, also Krieg zu machen, oder aber von vollständiger Hingabe. Man lebte in einem ganz anderen Verhältnis zur Natur und zum Menschen. Und der Quell dieser ganzen Kulturentwicklung ist letzten Endes das Dorf. Das Dorf. Eine neue Gemeinschaft.

Denn die Menschen, die sich hier versammelt haben, die waren nicht einfach nur Autortone, das heißt also geschichtlich dort am Ort ansässig seit Urzeiten, sondern die haben sich ja versammelt aus der Völkerwanderung. In der Völkerwanderung hat sich ganz Europa in Bewegung gesetzt. Es ist ja unbeschreiblich, wie die Ostgoten, die Westgoten, die kamen mehr oder weniger aus Asien nach Westen gezogen, und andere gotische oder nordische Völker kamen von Gotland herunter, von Schweden herunter, und zogen durch Deutschland bis runter nach Sizilien und so weiter. Es war ja alles in Bewegung. Frankreich war vorher Gallien, jetzt ist es das Frankenland geworden. Die Franken haben dieses Land dann in Besitz genommen. Also die Menschen, die jetzt hier sich zu einer neuen Gemeinschaft zusammengefunden haben, auch durchaus noch im Erbgang stehen, zweifellos, aber dennoch quasi wie eine Neuschöpfung. Und diese Neuschöpfung hängt zusammen mit dem esoterischen Christentum der hibernischen Mysterien.

Gerade so jemand wie Kolumban und seine Genossen, die haben ein Empfinden gehabt, dass hier auch eine neue Sozialität in der Dorfgemeinschaft sich begründen muss in Zukunft. Der eigentliche petrinische Impuls, das ist der Kirchenbau. Aus Steinen was zu bauen, was Dauer hat. Und auch der ganze Kultus weitgehend kam aus dem petrinischen Christentum. Aber der Dorfgedanke, der ist hibernisch.

Die Bodenseelandschaft und das Kloster Reichenau 00:17:46

Und vielleicht kann ich das kurz mal noch sagen, ich komme nachher sowieso nochmal drauf zurück. Diese beiden Strömungen, sagte ich gestern, sind sich begegnet, die einen über die Alpen rüber kommen, das petrinische Christentum, und die anderen von Westen kommen und begegnen sich im Bodenseegebiet – Kolumban, habe ich ja genannt, den Namen.

Wenn Sie heute in das Bodenseegebiet, die Bodensee-Landschaft fahren – heute ist es nicht mehr so ganz leicht erfahrbar –, aber man hat den Eindruck, diese Landschaft hat einen ganz eigenen Charakter. Da atmet sich irgendetwas, man weiß es nicht so recht was. Das Interessante ist, dass gerade heute die meisten heilpädagogischen Einrichtungen, sozialtherapeutischen Einrichtungen gerade in der Bodensee-Landschaft sich finden, dass das eine therapeutische Landschaft ist. Also eine, die eine Geistesgeschichte hinter sich hat, die da in diesen Frühzeiten veranlagt worden ist. Und diese Veranlagung war eben durch die Begründung des Klosters Reichenau.

Da möchte ich doch noch ein paar kurze Worte dazu sagen. Es ist schon sehr rätselvoll, weil das nur ein ganz kurzer Augenblick war, was die Reichenau angeht, historisch gesehen. Nur ein Augenblick, wo man den Eindruck hatte, hier wird ein Mittelpunkt in Europa gesetzt. Das war nämlich in der Zeit um das Jahr 1000 herum. Sie müssen sich vorstellen, da gab es Karl den Großen, um 800 wurde der gekrönt. Und die Karolinger haben dann noch eine Zeit lang weitergewirkt hier in Mitteleuropa, haben sich in Europa aufgeteilt, die Enkel von Karl dem Großen. Und dann kamen die Ottonen. Die Ottonen kamen aus Sachsen, Otto der Große und dann sein Sohn Otto der Zweite. Das war derjenige, der den Dottenfelderhof dem Kloster Worms zu lehnen gegeben hat im Jahr 976. Also der Dottenfelderhof steht ganz in dieser Tradition drin. Der war ein freier Königshof zu Karls des Großen Zeiten, freier Königshof. Und dann hat Otto der Zweite dann diesen Hof zu lehnen gegeben, also als Pfründe für das Kloster Worms, damit die Mönche – ein paar Mönche freigestellt werden konnten, um die Bibel abzuschreiben. Denn sonst waren ja alle irgendwo praktisch tätig. Aber dass jemand freigestellt werden konnte, um etwas zu tun, dass er seine künstlerischen Ambitionen oder sowas verwirklichen konnte in der Welt, dazu mussten Pfründe her, die das ermöglichen. Und das waren dann die Lehen. Die kaiserlichen, königlichen Lehen an die Klöster. Die haben das dann ermöglicht, dass der Zehnte dann abgeführt worden ist an die Klöster und finanzierten dann irgendwo ein, zwei, drei, vier Mönche. Und das geschah 976 auch beim Dottenfelderhof durch Kaiser Otto III.

Und Kaiser Otto III., der Sohn dieses Kaiser Ottos in jenen Zeiten, der wurde nur 20 Jahre alt. Und man nannte ihn schon damals das Wunder der Welt. Und der hatte in seinen ganz jungen Jahren – er wurde dann ermordet, wie das sich gehörte zur damaligen Zeit, dem war er ständig ausgesetzt, natürlich, auch wieder aus Gegensätzen zwischen Rom und dem, was sich da eigentlich neu entwickeln wollte –, jedenfalls dieser Kaiser Otto III. hat das Kloster auf der Reichenau zum Mittelpunkt seines ganzen Wirkens machen wollen in der Welt. Und das war veranlagt. Und man kann ja heute noch irgendwie ahnen, wenn man da hinkommt, wenn man dieses wunderschöne Kirchenland sieht, das Münster da auf der Reichenau. Man ahnt, was da für eine Spiritualität aufgekeimt war.

Das Kloster Reichenau war seit 700 bis 900 die Diplomatenschule Europas. Das heißt, da wurden alle die Menschen erzogen, die dann am Hofe Karls des Großen wirkten, also auch jene, die Beziehungen pflegten bis zum Hofe Harun al-Raschids in Bagdad, und jene, die eine Beziehung pflegten zu dem, was man den Heiligen Gral nennt. Es war eine ungeheure Spiritualität, die da lebte und wirkte in diesen 200 Jahren.

Also es war eine wirkliche Hochblüte, und die erwuchs im Wesentlichen aus der Reichenau als Kloster und eben diesen jetzt sich gestaltenden Dorfgemeinschaften. Der Höhepunkt der Dorfgemeinschaftsbildung war vom 8. bis ins 9. Jahrhundert. Also das 9. Jahrhundert ist eigentlich die zentrale Entwicklung des Dorfgedankens in Europa und eben ausstrahlend über ganz Europa. Wo nur immer irgendwie Siedlungen sich entwickelt haben unter dem Einfluss der Klöster, das Christentum entwickelte sich in diesem Sinne: das Dorf mit Mittelpunkt und Umkreis.

Man nannte damals in der Folgezeit die Bodenseelandschaft den Gottesgarten in der Mitte der Christenheit. Der Gottesgarten in der Mitte der Christenheit, so hieß die Bodenseelandschaft damals, und um den Bodensee herum entbauten sich Klöster und Klöster und Klöster. Die Orden, die ganzen Orden, die sich später dann aus den Benediktinern heraus entwickelt haben, wie die Zisterzienser oder Augustiner oder wie sie alle hießen, die Dominikaner, die haben sich dann nach und nach alle so schön um den Bodensee herum angesiedelt. Eine unglaubliche Kulturblüte, und etwas von dieser Qualität – wenn man sich damit mal ein bisschen beschäftigt hat, dann merkt man das in dieser Landschaft, auch heute noch. Es ist eine therapeutische Landschaft. Also nichts umsonst, dass da diese vielen gerade sozialtherapeutischen Einrichtungen auch angesiedelt sind.

Nun, also das war jetzt nur nochmal ein Hinweis darauf, dass das hier eigentlich, möchte ich mal sagen, die Begründung der Dorfschaften mit Mittelpunkt und Umkreis, dass das die Urzelle Europas ist, dass das der eigentliche kulturtragende Impuls war, in Verbindung mit den Klöstern selbstverständlich, der kulturtragende Impuls, der über tausend Jahre, weit über tausend Jahre gewährt hat. Nicht umsonst heißt im Russischen das Dorf Mir, aber Mir heißt sogleich Friede. Das heißt, das Dorf war eigentlich der Mittelpunkt auch eines friedvollen Wirkens an der Erde, durch alle Jahrhunderte hindurch, aus Bewusstseinsuntergründen, spirituellen Untergründen, die eben aus diesem Mittelpunkt erflossen.

Kelten, Germanen und die Ich-Natur des starkmütigen Menschen 00:25:57

Nun möchte ich mal der kurzen Frage nachgehen: Was waren das jetzt eigentlich für Menschen, die da sich angesiedelt haben in so einem Dorf? Die da jetzt irgendwo herkamen oder da über die Völkerwanderung gerade sich eingefunden hatten.

Es waren einmal die Kelten. Die Kelten waren schon länger ansässig in Europa, also hier. Die Kelten waren ansässig vom Schwarzen Meer über den ganzen Balkan, dann nördlich der Alpen, wie in einem Streifen durch Süddeutschland hindurch, dann über Frankreich bis nach Irland rüber. Das war alles keltisch, war ein riesengroßes Gebiet. Und diese Kelten, die hatten eine ganz eigene Kultur auch entwickelt, standen viel stärker mit den Römern in Verbindung, solange die Römer da ihr Imperium hatten. Und die andere Bevölkerung waren die Germanen. Und die keltischen Stämme und die germanischen Stämme waren außerordentlich vielfältig, aber es waren eben Träger – die Germanen waren im Wesentlichen Träger der Völkerwanderung. Und was waren das jetzt für Leute, also gerade die Germanen? Die Kelten waren schon viel gebildeter in gewissem Sinne. Die waren – man kann nicht sagen wild, das wäre völlig falsch, das so zu sagen. Sie waren auch nicht einfach nur grobschlächtig, überhaupt nicht. Es ist schwer, irgendeinen Namen zu finden, was die eigentlich waren. Die hatten Qualitäten, die noch völlig der Entfaltung bedurften, um sichtbar zu werden.

Diese Menschen haben nicht teilgenommen an dieser Entwicklung, die ich hier geschildert habe, von Ur-Indien, der Pflege der ätherischen Organisation, oder über Ur-Persien, der Pflege des Astralleibes als noch eine Ganzheit. Und dann die Ägypter, die die Empfindungssele herausgebildet haben, dann die Verstandessele, die Römer und so weiter, bis zur Bewusstseinssele hin. Das hatten die alles gar nicht. Die waren insofern, könnte man sagen, wild. Sie waren zurückgebliebene Völkerschaften aus noch früheren Vergangenheiten. Insofern, könnte man sagen, ungebildet bis zum Es-geht-nicht-mehr. Die hatten ihre Götter. Die kennen ja vielleicht die Äther oder so. Dann merken die schon, da ist eine gewaltige Welt. Aber alles hat diesen unglaublich starken, diesen inneren, wie soll ich sagen, stark-mütigen Charakter.

Und diese Menschen hatten diese seltsame Eigenschaft, irgendwo mit dem Tod befreundet zu sein. Sie sahen im Sterben, den Heldentod zu erleben auf dem Schlachtfeld, das war ungefähr das Höchste. Das heißt, sie hatten so eine Kampfesnatur. Und die war so ausgebildet, so stark, dass man sagen kann: Wenn man nicht irgendwo mal im Kampf sozusagen an die Grenze seines Seins geführt worden ist, dann taugte man eigentlich nichts. Man musste kämpfen. Stark-mütig waren diese Menschen. Unglaublich stark-mütig. Und die brauchen nur die ganzen Epen zu lesen, das Nibelungenlied – das ist natürlich ganz extrem –, oder ein Beowulf, das ist in England geschrieben worden, oder eben das Hildebrandlied. Weiß man heute, leider Gottes, alles gar nicht mehr. Aber da sind dann – man muss sich da mal reinleben, wie die gedacht haben, wie die geschrieben haben, was sie wollten in der Welt. Die haben sich erst mal allesamt aufs Haupt gehauen. Das war das Allerbeste. Also eine ganz eigenartig stark-mütige Welt.

Die hatten nicht ihre Leiblichkeit, ihre Wesensglieder, die Lebensorganisationen und so weiter, durchgebildet wie diese vorchristlichen Völker. Die hatten an dieser ganzen Entwicklung so gut wie nicht teilgenommen. Und jetzt tauchen die da plötzlich auf und erobern nach und nach das ganze Römische Reich. Das ist deren Qualität gewesen. Deren Qualität bestand darin – deswegen suchten sie immer den Kampf – das Ich-Erwachen. Die hatten viel, viel stärker als die vorchristlichen Völkerschaften in diesem Mut, den die hatten, in dem starken Mut, in dem sich kämpfend Auseinandersetzen mit der Welt – da lebte plötzlich jetzt in dieser Ungeformtheit ihrer Leibesglieder das Ich auch. Aus jeder Zeile könnte man das fast lesen, wenn Sie so ein Hildebrandlied zur Hand nehmen.

Nun also, diese Menschen kommen jetzt in einen solchen Zusammenhang und erleben jetzt hier diesen Mittelpunkt. Erleben, was daraus spricht. Und das für diese Menschen war die Begegnung mit dem Christentum: die Erhellung ihrer eigenen Ich-Natur. Sie wurden wach im Ich. Und der Leib selber, der hatte noch diese ungeheure, ungeformte Kraft. Die erwachten in ihrem Ich. Und das war dann ein langer, langer Weg durchs Mittelalter hindurch, dass diese Kräfte, die da in den Menschen lebten, verwandelt worden sind, eben in etwas Neues.

Publikumsfrage: Ja, ich wollte fragen, wie es zum Zusammenhang der Leib-Eigenschaft mit dem Erwachen des Ichs zusammenpasst.

Ja, also die Leib-Eigenschaft, die ist ja eigentlich erst später so richtig zum Zuge gekommen. Und da war schon alles dekadent. Und es hat ja noch lange, lange gedauert, bis sie aufgehoben worden ist. Es ging ja noch bis ins 19. Jahrhundert. Und zum Teil erst im 20. Jahrhundert. Also es ist unglaublich. Aber da war das alles schon total dekadent. Aber im Laufe unserer Betrachtung werden wir noch sehen, was da für Geschehnisse noch stattfinden müssen, um sich davon zu befreien.

Parsifal: Starkmut verwandelt sich in Demut 00:33:02

Was sich da vollzogen hat – dieses Ich-Erwachen – das wird nirgends schöner dargestellt als im Parsifal von Wolfram von Eschenbach. Hat im 13. Jahrhundert aufgeschrieben, bezieht sich aber absolut auf das 9. Jahrhundert. In die Zeit des Heiligen Grals. Und ich sagte ja schon, dass das Kloster Reichenau eine Beziehung gepflegt hat zu dem Heiligen Gral. Die waren da auch einverwoben. Was es mit dem Heiligen Gral auf sich hat, möchte ich jetzt gar nicht weiter verfolgen. Nur das eine.

Parsifal ist ein Mensch, ein typischer Repräsentant dieser ungeformten, ungemein willenshaften Natur. Zunächst der Sohn der Herzeleide und des Gahmuret, die da als Vertreter der Graalsfamilie in der Welt gewirkt haben. Und Gahmuret, der Vater, hat dann auch irgendwann bald seinen Tod gefunden. Also die Herzeleide war dann Witwe geworden, hat ihren Sohn genommen, Parsifal, und zog sich in Wälder zurück, damit der Sohn ja nicht wieder in Versuchung kommt, Ritter zu werden. Und wiederum irgendwo frühzeitig seinen Tod zu finden in den Auseinandersetzungen.

Und da wächst nun dieser Parsifal auf, ganz im Walde, verborgen, der Obhut seiner Mutter. Und jetzt eines Tages geht er raus, und da sieht er im Wald so etwas glitzern. Da waren das drei Ritter in ihren Rüstungen, wo das Sonnenlicht, wo die Bäume gebrochen waren, auf die Rüstungen fielen und es glitzerte so auf. Und da war der so wahnsinnig fasziniert. Das wollte er auch werden. Er wollte Ritter werden. Er sah die jetzt, diese Gestalten. Irgendwo war da sein Ideal erfüllt. Und es dauerte nicht lange, dann zieht er von zu Hause weg. Und völlig – also der Tumbeltort schlechthin, was typisch ist für diese Bevölkerung damals, der Tumbeltort. Der sah seinen Ursprung. Der dann auch in den Märchen überall auftaucht. Der Tumbeltort. Also sein Tumb heißt nicht dumm, sondern einfältig. Noch nicht wirklich in der Welt mit Bewusstsein stehen.

Also zieht er los. Und was macht er? So jung wie er ist, er klaut einem schlafenden Ritter die Rüstung. Und zieht sie sich an und stattet sich aus mit dessen Waffen und zieht los. Und meint, er könnte jetzt im Kampf die Welt erobern. Und wenn dann jemand des Weges kam, irgendein anderer Ritter, dann hat er versucht, ihn gleich aufs Haupt zu schlagen.

Wenn Sie das lesen zunächst mal, dann merken Sie, da ist eine tiefe Veranlagung in diesen Menschen, im Kampf sich selbst zu erleben als Ich. Den Kampf zu suchen förmlich. Und so zieht er nun seine Wege und haut dann wieder einem so richtig mal auf den Kopf. Und da liegt er da. Und was macht er? Steigt herunter, zieht sein Visier herunter und beugt sich zu ihm und sagt ihm: Ich heiße Parsifal, wie heißt du? Das ist die wunderbare Offenbarung einer bestimmten Bewusstseinshaltung, die es vorher nie gegeben hat. Dass da einer sich vorstellt, erst mal dem durch Handlung eins aufs Haupt gibt, kannte den gar nicht, und dann stellt er sich vor und sagt: Ich heiße so, wie heißt du eigentlich? Also erst die Handlung, dann die Erkenntnis. Das ist diese typische Haltung, die man da in dieser mittelalterlichen Zeit findet. Erst drauf und dann: Aha, da handelt es sich ja hier um den und den und jenen.

Sodass allmählich durch diesen Impuls hier jetzt dieser ungeheure Starkmut – und das wird beschrieben dann in Parsifal von Wolfram von Eschenbach –, man zunächst mal in Einfältigkeit seine eigene Ich-Natur erlebt und dann seinen Irrweg geht durchs Leben. Irrwege noch und noch. Und er wird dann nicht zum Gral hingeführt und er sollte dort erkennen, das Leiden dieses Menschen, Amfortas. Er sollte das jetzt erkennen und er erkennt es nicht, er stellt keine Frage, er stellt noch keine Frage. Die Menschen haben damals noch nicht gefragt, die haben gehandelt.

Und jetzt muss er den Gral wieder verlassen, er muss wieder seinen Irrweg gehen und allmählich lernt er, die Kraft, die in ihm lebt, seinen Starkmut, zu verwandeln in eine ganz neue Tugend, in die Demut. Starkmut verwandelt sich durch diesen Impuls in diese ungeheure Kraft der Demut, der Hingabe an den anderen Menschen. Und erst daraus war er in der Lage, die Frage zu stellen. Das sind Bilder, das sind unglaubliche Bilder, wo man merkt, diese Verwandlung des Handelns des starkmütigen Menschen zu einem Menschen, der sich jetzt überhaupt durch die Frage der Welt öffnet. Die Fragehaltung ist eine ganz moderne Entwicklung, das Ich stellt die Frage, das Ich zweifelt, vordergründig hätte ich gesprochen, und daraus entstehen Fragen und man möchte Erkenntnisse gewinnen, nachdem er vorher erstmal nur gehandelt hat. Das bezeichnet eigentlich die ganze Parsifalsage. Das ist beispielhaft für die ganze Bewusstseinshaltung des frühen Mittelalters, 9. Jahrhundert. Also die Wandlung von Starkmut in Demut. Das ist ein unerhörtes Ereignis, was die Grundlage auch der ganzen Bewusstseinsentwicklung in Europa ausmacht. Dass so eine solche Qualität in den Menschen aufgelebt ist.

Der Impuls aus dem Mittelpunkt: Ich-Nahrung und Dreifelderwirtschaft 00:40:05

Jetzt die andere Frage. Was hat sich denn nun eigentlich abgespielt hier in diesem Mittelpunkt? Denn der war ja so, dass der wirklich der geistige Mittelpunkt der ganzen Dorfschaft war, der Dorfgemeinde. Weil sie hatten ja keinen anderen Quell, sie hatten nur die Natur natürlich um sich herum. Und die kannten sie ja einigermaßen. Sie lebten noch sehr in atavistischem Bewusstsein. Das kann man auch in den Märchen noch erkennen. Und jetzt ist hier nun ein Impuls wirksam im Inneren dieses Raumes.

Sie müssen sich mal vorstellen, diese Kirchbauten, die waren ja alle zunächst mal eine ganz kleine Kapelle. Aber sie waren allemal schon immer größer als die Behausungen der Bewohner. Das waren so Kärrner, das waren so ganz dürftige, wirklich also dürftigste Häuschen, Strohdächer, unter denen die da gelebt haben. Und plötzlich aus der Gemeinschaft wächst da jetzt ein Impuls heraus, hier einen solchen Bau zu errichten als Mittelpunkt. Auch steingemauert, mächtig. Und immer höher wurde der und immer breiter und immer länger. Ja, da haben die Menschen eben, möchte ich mal sagen, Nahrung bekommen für ihr Ich. Die Bedeutung des Christentums liegt darin, dass der Mensch aus ihm Nahrung sucht für seine eigene Ich-Entwicklung. Also, dass das Ich stärker wird, immer stärker ins Bewusstsein eintritt, als das eigentlich seelische Empfinden. Im Seelischen lebt man noch ganz irgendwo im Allgemeinen, aber dass das Seelische selber geistig sich erkraftet zum Ich-Bewusstsein – der Quell, den muss man hier suchen. Im Ursprung, nicht heute. Das ist alles, das hatte alles seine Zeit.

Was war nun eigentlich der eigentliche Impuls der Erschließung der Erde durch diese Art der Zusammenführung der vorchristlichen Vier-Strömungen des Landbaus? Das Besondere ist, dass jetzt ein und derselbe Mensch, das sagte ich gestern schon, die Fähigkeit erlangt hat, aus der Erkraftung seines Ich, jetzt Ackerbauer zu sein und Viehzüchter und Gartenbauer und Obstbauer in einer Person. Diese Fähigkeit wuchs. Das ist ein typisches Phänomen des Ich, dass es Dinge, die getrennt sind, zusammenführt. Dass eine Ganzheit entsteht. Und die Dorfgemarkung war eigentlich nur eine Spiegelung dieser Ich-Werdung der Menschen, die sich dann in ihrer Arbeit niedergeschlagen hat. Ora et labora.

Nun hat diese Dorfgemarkung noch eine besondere Entwicklung genommen von dieser Frühzeit an, dass nämlich alles, was Ackerbau war, die Gemarkung in drei Teile geteilt wurde. In drei Teile. Etwas, was wahrscheinlich auf keltische Zeiten zurückgeht.

Und dass die Menschen jetzt hier im Dorf, hier haben sie Gartenbau betrieben – also alle Gemüsearten, Grobgemüse, Feingemüse, Beerenobst. Hier war auch die Bienenhaltung angesiedelt. Die Gärten waren umzäunt gegen den Wildeinfluss und so weiter. Hier wurde Obstbau betrieben. Hier Wiesen- und Weidewirtschaft. Und nun haben diese Menschen den größten Teil der Gemarkung in diese drei Teile geteilt. Und haben Ackerbau betrieben. Ein ungeheurer Schritt aus der vorgegebenen Zeit. Ackerbau betrieben, indem sie in diesem Drittel der Dorfgemarkung die ganzen Winterfrüchte angebaut haben. Die Winterungen. Und in dem zweiten Drittel die Sommerungen. Die Sommergetreide. Also Winterweizen, Wintergerste, Winterroggen. In dem einen Drittel die Sommerungen – das ist Hafer, Sommergerste, Sommerweizen. Und dann, was man im Sommer sonst noch vielleicht anbaut, zur damaligen Zeit. Also Hirse zum Beispiel, oder Erbsen. Alles Früchte, die man hier aus dem vorderen Orient übernommen hat. Die versammelten sich hier jetzt. Und das dritte Drittel hier, das lag brach. Das ist die Brache. Da wurde nichts angebaut. Da wurde nur in einem Jahr, im Frühjahr, sind sie da mit ihren einfachen Gerätschaften drüber geeggt. Nicht gepflügt, einfach geeggt. Und haben den Boden angeregt, dass dann noch zusätzlich Unkrautsamen auflaufen. Dass Klee aufläuft, dass andere Wildpflanzen da auflaufen. Und so besämerte sich die Brache. Und war dann die Grundlage dafür, dass ab Sommer, nachdem die Weiden oder das Futter erschöpft war, wurde das Vieh dann auf die Brache herausgetrieben. Und das Vieh fraß dann eben diese Weiden, diese Brachflächen ab. Und hinterließ den Dünger, hinterließ auch die Jauche. Und auf diese Weise wurde diese Brache gedüngt. Ein Ruhejahr in Verbindung mit einer natürlichen Düngung.

Und gleichzeitig wurde auf die Brache aber auch der Allermiststapel, der hier während des Winters angefallen war als Stapelmist, der wurde hier auf die Brache herausgebracht, im Herbst dieses einen Jahres. Und im nächsten Jahr folgte dann die Brache auf die Sommerung. Und die Sommerung auf die Winterung. Und die Winterung auf die Brache des Vorjahres. Diese Dreifelderwirtschaft, die klassische Dreifelderwirtschaft. Und die ist ja heute in sehr viel Verruf geraten, in den jüngsten Zeiten. Weil man sich gesagt hat, die hat überhaupt nicht funktioniert. Hat auch vielfach zuletzt nicht mehr richtig funktioniert. Aber das hat ganz andere Gründe. Das hat funktioniert über nahezu, kann man sagen, tausend Jahre. Fünfhundert Jahre allemal. So lange hat es funktioniert, als das germanische Recht galt.

Sobald das römische Recht Einzug gefunden hat, teils durch die Klöster, dann durch den Adel, später dann im 14., 15., 16. Jahrhundert, wurde plötzlich der Grund und Boden als Eigentum erklärt. Als Privateigentum. Und jeder hatte ein Recht, eben sein Eigentum zu bewirtschaften. Bis dato, in diesen Ursprüngen, gab es kein Eigentum. Das germanische Recht kannte kein Eigentum in dem römisch-rechtlichen Sinne. Private heißt ja auf Latein rauben. Das ist eine ganz interessante Ableitung des Wortes. Privateigentum ist geraubtes Eigentum. Wenn Sie tiefer, tiefer denken, immer tiefer, immer nochmal ein Stockwerk tiefer denken, dann werden Sie das wirklich verstehen, dass es eigentlich kein Eigentum am Grund und Boden geben kann. Undenkbar.

Damals lebte noch in den Menschen dieses Gefühl – die waren viel treffsicherer als wir heute, viel exakter im Fühlen –, dass das eine Schöpfung ist, auf die ich keinen persönlichen Anspruch heben kann. Sondern der Grund und Boden ist nicht vermehrbar wie sonst irgendwas, was man kaufen und verkaufen kann, sondern der ist ein Fixum und der ist die Grundlage dafür, dass da etwas heraufwächst, was für alle Menschen da ist, nämlich die Ernährungsgrundlage. Also in diesen Zeiten lebte noch ein ganz anderes Rechtsgefühl.

Und in einem solchen Dorf hatte, in der Dreifelderwirtschaft, wer eine große Familie hat, mehr Land in diesem Drittel und in diesem Drittel und in diesem Drittel. Und wenn es eine kleine Familie war, mit geringeren Bedürfnissen, hat er eben weniger Landrechte zur Nutzung. Es war ganz flexibel gehandhabt und es gab eben dann den Ältestenrat in den Dörfern, der Thing, so nannte man das in frühesten Zeiten, wo dann die Ältesten jedes Jahr neu die Rechtsordnung bestimmten. Entweder sie bestätigten die bestehende Rechtsordnung, oder sie haben sie den entsprechenden Entwicklungsergebnissen angepasst.

Publikumsfrage: Weiß man, ob da schon Mist auf die Felder gebracht wurde?

Ja, das meine ich eben, das habe ich auch schon gesagt. Also die wurden einmal rausgetrieben auf die Brache, die Kühe gehütet, auch die Schweine, auch die Schafe. Und dann wurde noch der im Winter anfallende Stapelmist auf die Brache rausgebracht. Das funktionierte alles. Das funktionierte weit über die Zeiten, und wir profitieren noch heute davon, wenn wir das wieder begreifen. Dadurch haben die jetzt tatsächlich ihre Bodenfruchtbarkeit erhalten.

Auf diesem Wege sind eben dann auch alle Früchte der vorchristlichen Entwicklung, die haben sich hier jetzt versammelt in einem solchen Dorf. Selbstversorgung. Da hat sich die Gemeinschaft weitgehend selbst versorgt. Es fielen dann langsam, langsam an die ersten Märkte an, wo die Bauernüberschüsse dann irgendwo hinverbracht wurden, wo dann auch mehr Handwerker waren und wo Handel war. Dann entstanden die freien Reichsstädte und dann ordneten sich dann die Dörfer so ein bisschen um die Städte herum. Und es entstand dann auch ein Markt. Aber zunächst mal war es natürlich für die Dorfgemeinschaft eine Art Selbstversorgung. Die ganze Dorfgemarkung.

Romanik und Gotik als Ausdruck der Dorfkultivierung 00:55:40

Nun möchte ich noch ein zweites hier anführen in diesem Zusammenhang. Nämlich nochmal auf den Mittelpunkt zurückgehend. Da haben diese Menschen diese riesigen, also wachsenden Bauwerke errichtet. In Stein. Gehauen. In Stein. Diese kleine Gemeinschaft hier. Und später, also zunächst war es die Romanik. Und die Romanik, die Ur-Romanik, die ist noch so, dass sie kaum über die Baumwipfel herausragt. So richtig geduckt sozusagen, sich wehrend gegen die Wildheit der Natur drumherum. Und je mehr nur die Entwicklung fortschreitet, durch das neunte, zehnte, elfte, zwölfte Jahrhundert, merkt man, dass die Bauwerke immer gewaltiger werden. Die Romanik hat sozusagen da ihre Entwicklung genommen, hat sich zu dem bloßen Schiff, Kirchenschiff, noch den Turm dazu entwickelt im zehnten Jahrhundert. Und also wunderbare, gewaltige Bauwerke. Die sind regelmäßig abgebrannt, weil die so viele Kerzen da drin stehen hatten oder sowas. Und dann musste man sie wieder neu aufbauen. Wenn was gebrannt hat, dann waren es meistens die Kirchen, durch die vielen, vielen Lämpchen und Kerzen, die da eben drin.

Naja, und so hat sich die Romanik hier vor allem in Verbindung mit den Klöstern, in jeder Dorfkirche, offenbart. Zu immer gewaltigeren Bauwerken. Und dann kommt der Übergang zur Gotik im zwölften Jahrhundert, 1120 sowas geht es los, kommt die Gotik. Und dann sehen wir da plötzlich Bauwerke aus dem Mittelpunkt dieser Dorfschaften herauswachsen, die fast den Himmel erstürmen. Die Gotik.

Und das eine Beispiel, was ich nur erwähnen will, das eine bedeutendste Beispiel überhaupt in dieser Zeit, das ist Chartres. Ich weiß nicht, ob Sie jemals in Chartres waren. Wenn Sie nicht waren, dann fahren Sie mal nach dem Kurs nach Chartres. So schlage ich Ihnen vor. Das ist also ein Menschheitswunder, was da gebaut worden ist im zwölften Jahrhundert. Und wo Sie sich vorstellen müssen, dass das nichts anderes war wie ein Dorf. Das heutige Chartres, wie es heute noch ist, ist ein kleines Städtchen geworden in der Beauce. Die Beauce ist eine große Ackerbaulandschaft drumherum. Und dann bauen diese Menschen – es waren nicht nur diese Menschen, sondern es war ein Impuls, der so wie ein Wind durch die Lande zog –, die Menschen sind nach Chartres gewandert aus anderen Dörfern. Die Grafen haben sich vor die Karren gespannt, die Herzöge, der Adel, haben Steine aus dem Steinbruch geschleppt, um diesen Bau aufzuführen. Und wenn Sie den heute sehen und sich vorstellen, dass die Bauern, die da gesiedelt haben, um diesen Kirchbau – das war ganz da unten irgendwo so eine ganz unscheinbare Behausung –, und jetzt dieses gewaltige Bauwerk. Über Jahrzehnte gebaut, ein Impuls, der gehalten hat, über Jahrzehnte immer hat man weiter gestaltet und hat ihn zu einem der höchsten Kunstwerke der ganzen Menschheitsgeschichte errichtet.

Über tausend Plastiken hat diese Kirche. Wunderschön plastiziert, und wenn Sie das anschauen, wenn Sie Chartres anschauen, dann haben Sie den Eindruck, Griechenland ist wiedergeworden. Aber nicht die griechische Statue wie damals, sondern mit derselben Kunstfertigkeit werden Gestalten geschaffen, von denen man den Eindruck hat, wie wenn sie eine Innerlichkeit hätten, was die griechischen Statuen nicht haben. Die sind lebendig, ungeheuer lebendig in der Form. Aber hier bei diesen Statuen merkt man, wie wenn die Innerlichkeit, mit der sie selbst geschaffen worden sind, von den Menschen, wie wenn aus diesen Gestalten ein Innenwesen herausspräche. Das ist das Ausschein natürlich, klar. Aber so kunstvoll wie die Kunst in Chartres ist auch nie wieder gebaut worden. Man kann keine Worte drüber machen, sondern man muss es mal anschauen, auch die Glasfenster. Es ist wirklich eine der gewaltigsten Schöpfungen der ganzen Menschheitsgeschichte.

Die wuchsen also hier aus diesem Mittelpunkt in der Dorfschaft heraus und die wurden immer gewaltiger. Die Gotik hat sich ja gemächlich entwickelt im 13. Jahrhundert und kommt langsam zu Ende im 14. und 15. Jahrhundert in der Backsteingotik, die dann hauptsächlich im deutschen Osten bis tief nach Polen rein sich entwickelt hat. Plötzlich ist sie zu Ende. Ein ganz gewaltiges Aufblühen im Hochmittelalter. Mächtige Bauten, alles aus den Dorfschaften heraus. Das waren alles Dienstleistungen, die die Menschen erbracht haben. Dass sie tagsüber morgens im Stall waren, anschließend auf dem Acker draußen – haben sie diese Kirchen gebaut.

Und dann kommt eben die Gotik, die Hochgotik. Und in der Gotik kann man sehen, das äußere Kennzeichen ist ja da, dass das Rundbogenfenster sich dann nach oben zuspitzt, immer spitzer wird und die Bauwerke immer höher werden. Alles so himmelstrebend ist.

Nun, diese Gotik – da hat man den Eindruck, die setzt den Schlussstein zur ganzen vierten nachatlantischen Kultur. Griechenlands und Roms. Da kommt es jetzt zu Ende mit dem Schlussstein, mit dem riesigen Gewölbe da oben, die so gewölbt sind, dass es einen Stein braucht, um das Ganze zusammenzuhalten. Und dieses Seitenstreben, um die Kräfte abzufangen, über die Seitenschiffe und so weiter. Also da entwickelt sich ein unglaublicher Impuls, und immer höher und immer höher und gewaltiger, ein Schlussstein – und Schluss ist es. Im 14., 15., also Beginn des 15. Jahrhunderts, alles ist vorbei. Die Kulturlandschaft um sie herum ist fertig. Die Dorfschaften haben ihre hohen Kulturblüten erlebt. Nicht eine an der anderen, hier mag kein Wald dazwischen gewesen sein. Und hier war schon der nächste Kirchturm und hier war der nächste Kirchturm. So Dorfschaft an Dorfschaft. Wie ein Netz spannte sich über ganz Europa immer diese Mittelpunkte. Man lief von Dorf zu Dorf, wanderte durch den Wald und schon grüßte von Ferne den nächsten Kirchturm.

Das ist die klassische Kulturlandschaft, und die war fertig schon im 15. Jahrhundert. Seit der Zeit zerbröckelt alles. Wie die Kirchen, wie die Kathedralen zerbröckeln, so zerbröckelt auch die äußere Kulturlandschaft. Die gehören zusammen. Diese Bauwerke hier sind ein Organ, ein höheres Organ der gesamten Kulturlandschaft. Ist gar nichts voneinander zu trennen eigentlich.

Die Umstülpung: Griechischer Tempel und christliche Basilika 01:04:04

Ich möchte jetzt da nochmal etwas nachholen, was ich doch noch gerne sagen wollte: Dass dieser ganze Impuls hier eigentlich die totale Umstülpung ist dessen, was hier in der vorchristlichen Zeit vorausgegangen ist. Ein Umstülpungsimpuls. Was hier außen war, jetzt verstreut über die Lande, vereinigt sich hier zu einer Ganzheit, bekommt Innerlichkeit. Und was hier sozusagen von außen gewirkt hat, so noch die Mysterien, die die Menschen erzogen haben und so weiter, das kommt jetzt von innen aus an den Mittelpunkt nach außen. Das ist eine vollständige Umstülpung.

Und diese Umstülpung zeigt sich eben noch an etwas anderem. Das zeigt sich daran, dass in der frühen Romanik, zum Beispiel auf dem Münsterort Reichenau, haben wir es mit einem Gebäude zu tun, das eigentlich so ein Rechteck ist. Und noch nicht mal der Chor – der kommt erst später dazu, dass hier so eine Ausbuchtung ist. Aber das Entscheidende ist, das ist ganz geschlossen außen. Und innen drinnen stehen die Säulen. Und hier ist der Altar.

Und der griechische Tempel, der war genau umgekehrt. Das war auch so ein Ding hier, also mehr oder weniger so ein Rechteck. Und da standen die Säulen alle außen. Ringsherum, alles Säule, Säule, Säule. Ganz offen zur Landschaft. Und nur innen drinnen war die Cella. Die war gemauert. Die war nahezu unzugänglich. Und hier thronte der Gott. Zeus oder Apollon oder so. Da durfte kein Mensch rein. Im griechischen Tempel war alles außen, was hier innen ist, in der Basilika. Und hier ist alles umschlossen außen, was in der Cella innen drin war. Also was hier innen drin, im verborgenen Tempel, das ist hier jetzt außen rum. Nur so ganz schmale Fensterchen. Und die Säulen, die tragenden Säulen sind innen drin.

Und der griechische Tempel wurde nicht besucht von der Bevölkerung. Der durfte nur angeschaut werden von außen. Nur die Priesterschaft durfte, und nur Auserwählte durften überhaupt in die Cella rein. Der Altar in Griechenland stand draußen in freier Natur, außerhalb des Tempels. Und hier steht er jetzt hier drin. Das ist jetzt der Altar. In der ganzen kunstgeschichtlichen Entwicklung sieht man, wie das eine gewaltige Metamorphose ist. Was außen war, wird jetzt innen.

Und das zeigt sich nun in den ganzen Kirchenbauten von der Romanik bis herauf in die Gotik. Die Menschen durften in den griechischen Tempel nicht rein. Und hier, gerade in der Gotik wird es deutlich, hatte die Bedeutung des Bauwerkes nur dadurch einen Sinn, dass die ganze Gemeinschaft reingegangen ist. Nur dadurch, dass hier so ein kleines Tor war, ein Rundbogen, und da sind die Menschen rein und da haben sie was erlebt innen drin. Während die hier haben sie was erlebt noch von außen. Das muss man sagen, das hängt alles zusammen mit der ganzen Entwicklung der Landwirtschaft. Denn die meisten Menschen waren ja da irgendwo eingebunden in die Landwirtschaft. Und haben sich in der Landwirtschaft abgebildet. Ihr eigenes Wesen, was sie jetzt entwickeln in Verbindung mit diesem christlichen Impuls, das bauen die hinein mit der täglichen Arbeit in die äußere Natur. Und so dass die Kulturlandschaft eigentlich im eminent christlichen Impuls ist, aus diesem Mittelpunkt heraus.

Und der war schon im 15. Jahrhundert fertig. Raus und vorbei, von da an hat sich nicht mehr viel abgespielt. Da waren die Menschen noch in einer solchen Verfassung, dass sie das, was sie innerlich erlebt haben – bis in der täglichen Arbeit, beim Kühe melken im Stall morgens früh und dann den ganzen Tag über draußen auf dem Acker, was sie da erlebt haben –, das haben sie zurückgetragen wieder an den Altar. Und an dem Altar wurde das wieder neu befruchtet, dieses Erlebnis, und wieder haben sie dann täglich sich hineingearbeitet in die äußere Natur. Das war ein Spiel von innen und außen, ein Ora et Labora.

Übergang ins 15. Jahrhundert: Kopernikus, Kepler und der Beginn der Neuzeit 01:09:41

Dieser Impuls kam dann zu Ende, sagte ich, zu Ende des 14., 15. Jahrhunderts. Also 1400 war das zu Ende mit der Backsteingotik. Und von daher kann man sagen, ist die Sache eigentlich abgeschlossen, zu Ende. Kein neuer Erneuerungsimpuls. Eine wunderbare Entwicklung der Durchdringung der gesamten Kulturlandschaft durch die menschliche Arbeit und die Schaffung von Kunstwerken, die alles überragen, was seit der Zeit an Baukunst sich entwickelt hat. Alles überragend. Heute ist die Baukunst das Warenhaus, die Supermarktkette oder so. Das ist so die typische Architektur, auf die wir vielleicht heute stolz sind, manche Menschen. Das ist der eigentliche Kunstimpuls des Mittelalters. Das war eben ein ganz aus dem Geistlichen heraus geschöpfter, in Metamorphose der vorchristlichen Entwicklung.

So, jetzt ist es zu Ende, das nun. Wir stehen eigentlich an der Schwelle des 15. Jahrhunderts ähnlich, nochmal wieder so, vor einer Frage, wie damals die vorchristliche Menschheit vor der Zeitenwende stand. Was soll jetzt werden? Es ist alles im Grunde genommen – ist die Landschaft fertig? Da hat sich eine Hochblüte entwickelt, was soll jetzt ein neuer Impuls kommen? Und das möchte ich Ihnen mal jetzt kurz nur ansprechen, in den letzten Minuten, dieser Übergang vom Hochmittelalter in die Neuzeit.

Zunächst ist es so, dass in der Landwirtschaft sich so gut wie nichts abspielt, sondern es verlagert sich in das, was sich jetzt schon vorbereitet hat, im ganzen Mittelalter: die Stadtentwicklung. Die freien Reichsstädte funktionieren, die haben sich ja freigemacht von der Vormundschaft von Kirche und Adel, aber die Landwirtschaft seufzte unter der Vormundschaft von Kirche und Adel. Aber die Menschen versuchten sich doch zu behaupten, indem sie das alte germanische Recht noch fortgesetzt haben, aber sie standen ständig unter dem Druck des römischen Rechtes, das jetzt immer mehr heraufkam. Und gleichzeitig sieht man: Da fängt ein Prozess an, dass die Menschen tropfenweise die Landwirtschaft hinter sich gelassen haben, abgewandert sind in die aufstrebenden Städte. Tropfenweise, es ging ganz langsam. Es war ja auch ein wahnsinniges Risiko, damals ein Dorf zu verlassen. Da hatte man seine Unterkunft, da hatte man auch seine Lebensgrundlagen, Nahrung und so. Und wenn man jetzt so ein Dorf verlassen hat, wo kam man da hin? Ins Nichts. Die ganzen Berufe haben sich ja erst nach und nach entwickelt in den Städten.

Naja, und das war also ganz, ganz zart. Der eine oder andere löste sich aus diesen dörflichen Zusammenhängen heraus, aber kaum bemerklich. Und jetzt entwickelt sich etwas in den Städten, vollkommen neu. Abseits der Natur. Also gerade nicht in der Landwirtschaft. Die Landwirtschaft hat – könnte man fast sagen –, sie hat ihr Spiel gespielt, das ist vorbei, da kommt nichts mehr. Die können nur noch bewahren, was ist. Und der eigentliche neue Impuls, der kommt eigentlich aus der Stadt. Und welcher ist das? Dass man alles vergisst, was gute Tradition war, und nur noch auf eines baut, nämlich auf sein eigenes Denken. Das ist der Ich-Impuls der Bewusstseinssele.

Da taucht nun des auf, plötzlich einer namens Kopernikus. Kopernikus, der hat so 1440 oder sowas, bis ins 15. Jahrhundert hineingelebt. Und der war Domherr in Frauenburg, Ostpreußen, an der Grenze zwischen West- und Ostpreußen, am Meer gelegen. Frauenburg war ja Domherr. Und er hat nun – der in Krakau und in Bologna und noch einer deutschen Universität studiert hat –, nun sich sehr beschäftigt mit dem Sternenhimmel. Und weniger durch eigene Beobachtungen, als durch theoretische Überlegungen ist er dazu gekommen, dass das Ptolemäische System, was bis dato Geltung hatte, dass nämlich die Sonne sich um die Erde dreht, das geozentrische Weltbild, dass das nicht stimmt.

Jetzt müssen Sie sich mal vorstellen: Die Menschheit hatte damals ein Weltbild, wie wir heute den Materialismus als Weltbild haben. So hatte die Menschheit damals ein Weltbild, das darin bestanden hat, dass die Sonne sich um die Erde dreht und die Erde der Mittelpunkt des ganzen Kosmos ist. Das sogenannte Ptolemäische Weltsystem. Und jetzt stellt er das in Frage, zum Teil durch Beobachtungen, aber insbesondere aus ganz anderen Erwägungen, und kommt zu dem Ergebnis: Nein, es ist umgekehrt. Die Erde dreht sich um die Sonne. Und das war gefährlich, unglaublich gefährlich, sowas in die Menschheit zu versetzen. Das bedeutete, dass das ganze Weltbild erschüttert wird.

Und der hat ja dann am Ende seines Lebens dieses Buch geschrieben, Harmonices Mundi, und nur weil er so weit weg war von Rom, konnte er sich überhaupt noch am Leben halten, da oben in Frauenburg. Und dann tauchte einer anderer auf, der Galilei, und hat festgestellt, nachdem er das Fernrohr erfunden hat und da oben draufgeguckt hat, wie das da oben mit den Planeten aussieht, hat er gesehen: Ja, er hat den Kopernikus bestätigt. Und dann wurde er von dem Papst herausgefordert, sich zu rechtfertigen, und wurde quasi – also er ist nicht verbrannt worden, aber nahezu. Also jeder, der sich gegen dieses alte Weltbild gestellt hat, der war lebensgefährdet.

Und dann tauchte einer namens Johannes Kepler auf, und der war ein Mathematiker, und hat unglaubliche Berechnungen angestellt. Die drei Keplerschen Gesetze rühren ja von Kepler her. Und das Schicksal verschlägt ihn – weil er fliehen muss vor den Verfolgungen der katholischen Kirche in der Gegenreformation –, er kommt an den Hof von Prag, dort ein König, und dort lebt Tycho der Brahe. Tycho der Brahe war einer der größten Astronomen aller Zeiten. Ein Däne, den es auch verschlagen hat – darunter, die waren aber eben protestantisch gesonnen.

Und dieser Tycho der Brahe hat sein Leben damit zugebracht, dass er auf dem Dach oben lag und hat die Sterne beobachtet. Und das alles registriert und aufgezeichnet. Und diese Aufzeichnung hat dann sein Freund – Kepler wurde sein Freund –, der hat es dann übernommen, und aufgrund dieser Aufzeichnungen hat er präzise nachgewiesen, dass der Kopernikus recht hat. Und hat dann auch seine drei Keplerschen Gesetze aufgrund dessen formuliert. Nämlich zum Beispiel, dass die Planeten und die Erde um die Sonne eine elliptische Bahn ziehen, keine Kreisbahn, wie man bisher angenommen hat. Eine elliptische, mit zwei Brennpunkten. Und so weiter. Und dass auch die Geschwindigkeit der Planeten um die Sonne herum unterschiedlich ist. In einer Ellipse ist die Bewegung in der wenig gekrümmten Fläche langsamer und in der stärker gekrümmten Fläche schneller. Sodass zu gleichen Zeiten gleiche Flächen umschrieben werden. Das ist das zweite Keplersche Gesetz. Dass zu gleichen Zeiten gleiche Flächen dieser Ellipse umwandert werden, obwohl die Planeten eben in der relativ wenig gekrümmten Fläche langsamer verlaufen als in dem gekrümmten Teil der Ellipse.

Also unglaubliche Gesetze sind das. Und das war natürlich revolutionär bis zum Es-geht-nicht-mehr. Also da bricht eine neue Zeit an. Nicht auf dem Lande. In der Stadt. Und das hatte eben zur Folge, dass langsam die ländliche Bevölkerung eigentlich wie irgendwo alleingelassen, zurückgelassen war in mittelalterlichen Zuständen. Und es nur einzelne Orte waren innerhalb Mitteleuropas, wo sich etwas auch Neues versuchte anzubahnen.

Ausblick: Die landwirtschaftliche Krise seit dem 15. Jahrhundert und die nächste Sitzung 01:21:13

Und darauf werde ich dann am Montag zu sprechen kommen, wie jetzt auch in der Landwirtschaft der Versuch gemacht wird, irgendwo über diese Schwelle zur Neuzeit das Alte zu retten und das Neue zu finden. Dieser Versuch und wie der hoffnungslos gescheitert ist. Eine unglaubliche Tragik, die seit der Zeit über der ganzen landwirtschaftlichen Entwicklung liegt. Die wollen wir dann am Montag betrachten und wollen das gleichzeitig betrachten in dem Gegenbild, wie eigentlich eine Entwicklung aus der Landwirtschaft herauswächst, die letzten Endes endet im konventionellen Landbau. Schon im 15. Jahrhundert. Da werden schon die Keime gelegt für alles das, was heute der konventionelle Landbau ausmacht. Also Monokultur, Massentierhaltung, alles was dazu gehört. Das hat seinen Ursprung schon im 15. Jahrhundert.

Im 15. Jahrhundert bricht eine neue Zeit an. Die Neuzeit. Das Bewusstseinsseelenzeitalter. Und wo man sieht, wie all das zusammenbricht wie ein Kartenhaus. Und aus ganz anderen Untergründen plötzlich völlig neue Entwicklungen sich abzeichnen, die eigentlich der Bewusstseinssele den Weg bahnen. Und die Landwirtschaft geht zugrunde. Sie geht systematisch zugrunde. Seit dem 15. Jahrhundert. Nicht erst seit dem 20. Sondern seit dem 15. Jahrhundert fängt das schon langsam an, immer weniger zu werden. Die impulsierenden Kräfte, die kulturtragenden Kräfte aus der Landwirtschaft verschwinden. Und das wollen wir dann am Montag uns nochmal vor Augen führen.

Publikumsfrage: Und was wird die Bewusstseinssele Ihrer Meinung nach ersetzt? Was ist der nächste Schritt nach der Bewusstseinssele Ihrer Meinung nach?

Der nächste Schritt nach? Wir stehen ja mittendrin. Die laufen noch hier. Der nächste Schritt ist, dass wir in Verwandlung dessen, was ich hier geschrieben habe – es geht nicht um grundsätzlich Neues –, in der Verwandlung dessen, was ich hier geschrieben habe, aus der Bewusstseinssele heraus, das zu begreifen, was Sie damals mehr noch halb intuitiv aus alten Möglichkeiten heraus so gestaltet haben, das heute zu begreifen, wirklich zu begreifen. Jeder von uns muss Forscher werden. Wir können nicht darauf beharren, dass es da draußen irgendwelche Forscher gibt und ich führe das aus. Das ist eigentlich die Bankrotterklärung des modernen Menschen, dass er sagt, ich führe das aus, was andere ausgedacht haben. Sondern selber sich gründen in seinem Urteil und selber sich fähig machen, handwerklich das auch in die Tat umzusetzen. Das ist eigentlich der Bewusstseinsselen-Impuls.

Und das heißt nicht nur, dass man sich jetzt irgendwo handwerklich mit ein paar Maschinen noch einen vernünftigen Hackfruchtbau macht oder irgendwas, sondern dass man aus einem Verständnis, einem verständnisvollen Wirken heraus, was einstmals in den vorchristlichen Hochkulturen noch ganz unbewusst, noch ganz schlummernd sozusagen in den Menschen aufgeleuchtet hat, das heute aus der Kraft des Bewusstseins des modernen Menschen heraus zu entwickeln. Wieder eine neue Sternenkenntnis, wie Kosmos und Erde zusammenklingen, alles das. Das ist die Aufgabe, vor der wir stehen. Das kann nur aus einer Forschergesinnung heraus. Das kann nur daraus entstehen, dass das Ich Fragen stellt. Der Mensch muss Fragen stellen, entweder an die Welt oder an sich selbst. Und daraus entsteht das Neue. Und das trägt dann ungeheuer individuelle Züge, das kann man nicht alles über den Leisten schlagen. Da muss jeder Mensch heute sozusagen aus seiner Biografie heraus sich sozusagen selber dahin führen, dass das zum Abbild seiner eigenen Ich-Wesenheit werden kann. Das ist eine ungeheure Herausforderung. Das haben wir zu tun mit den nächsten hundert Jahren, zweihundert Jahren, tausend Jahren.

Publikumsfrage: Die verschiedenen Stufen der Metamorphose des Bewusstseins, also welche Anteile da erwachen?

Sprecher 1: Bei uns heute?

Publikumsfrage: Nein, aus der Entwicklung heraus.

Ja, die sind alle in uns anwesend. Die sind alle in uns anwesend.

Publikumsfrage: Ja, das ist mir klar, aber was quasi zuerst erwacht ist, diese verschiedenen Schritte. Das hatten wir die Tage davor.

Achso. Also wir können auch nochmal darauf zurückkommen. Wir wollen die Pause nicht allzu sehr belasten. Wir haben dann noch Möglichkeiten, das nochmal aufzugreifen. Gut, ja, also dann wünsche ich Ihnen ein schönes Wochenende. Bis zum nächsten Mal.

Glossar

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